Nach Differenzen mit dem Wirtschaftsminister steht der argentinische Zentralbankchef offenbar vor der Ablösung
Das Tangoland sitzt seine Krise einfach aus

Die Finanzkrise in Argentinien spitzt sich zu. Die Börsenkurse fallen, das Länderrisiko steigt. Doch Argentiniens starker Mann, Wirtschaftsminister Domingo Cavallo, hält die Krise für überschaubar. Von seinem Kurs, die Wirtschaft durch eine Lockerung der Geldpolitik zu reaktivieren, will er sich nicht abbringen lassen.

BUENOS AIRES. In der argentinischen Hauptstadt herrscht Ratlosigkeit. Vor den Zeitungsständen in Buenos Aires stehen erstaunte Kunden. Neue Schreckensnachrichten von den Finanzmärkten beherrschen die Titelseiten der Presse an diesem Dienstagmorgen. Zwar hatten die Argentinier bisher schon keine besonders hohe Meinung von der eigenen politischen oder wirtschaftlichen Performance. Aber dass die Risikoprämie des Tangolandes in ihrem Niveau derzeit nur von der Ecuadors und Nigerias übertroffen wird, das versteht keiner so richtig.

Selbst den lokalen Analysten in den Büros von Buenos Aires fiel darauf gestern nichts anderes ein als eine abenteuerlich anmutende Verschwörungstheorie. Sie streuten vage Andeutungen über eine Kampagne, welche orthodoxe Anhänger der Dollarisierung wie Ex-Präsident Carlos Menem und Noch-Zentralbankchef Pedro Pou gegen Wirtschaftsminister Domingo Cavallo und dessen Pläne zur Einführung eines Währungskorbs aus Euro und Dollar angezettelt hätten.

Analysten erwarten Kapitalflucht ins Ausland

Die Aufregung bei den Analysten spiegelt jedoch nicht die Haltung der Argentinier in diesen Tagen wider. Zwar haben viele die Zeit der Hyperinflation, die der heute wieder als Wirtschaftsminister amtierende Cavallo vor zehn Jahren durch die Dollarbindung des Peso beendete, noch sehr gut in Erinnerung. Als Ex-Präsident Carlos Menem am Freitag öffentlich erklärte, die Argentinier sollten angesichts einer bevorstehenden Abwertung des Pesos Dollar kaufen, erwarteten deshalb viele Analysten einen Massenansturm bei den Banken und eine Kapitalflucht ins Ausland. Schließlich gelten die Argentinier als gebrannte Kinder in Sachen Inflation.

Doch das Gegenteil ist geschehen. Die privaten Bankeinlagen haben seit Ende März insgesamt um 115 Mill. Dollar zugelegt. "Die Situation ist sehr seltsam, keiner scheint so richtig zu wissen, was eigentlich passiert", meint Analyst Fernando Devoto von der Velox Bank gegenüber dem Handelsblatt. "Im Gegensatz zu früher sehen wir, dass die Leute nicht um die Stabilität des Systems fürchten und ihr Geld nicht abziehen."

Der Grund dafür liegt offenbar im Vertrauen, das die Argentinier in die Person Cavallos setzen und das sich so schnell nicht erschüttern lässt. Zum ersten Mal seit anderthalb Jahren hat in Argentinien wieder ein Mann die wirtschaftlichen und politischen Zügel in der Hand, der den Menschen das Gefühl gibt zu wissen, was er tut, der sich politisch durchsetzen kann und der sich weder von den ungeliebten Beratern des Internationalen Währungsfonds, noch vom übermächtigen Nachbarn Brasilien oder von der orthodoxen Ökonomenriege im eigenen Land einschüchtern lässt. Das schafft Sympathie.

Cavallos Amtsvorgänger setzten einseitig auf einen Abbau des Haushaltsdefizits durch immer neue Sparprogramme. Sie wollten damit das Vertrauen der Investoren gewinnen. Die Diagnose des neuen Superministers dagegen lautet, dass in dem seit drei Jahren unter Rezession leidenden Land weitere Sparmaßnahmen sozial und politisch nicht durchsetzbar sind. Deswegen sorgt er durch eine neue, wenig schmerzhafte Schecksteuer für die kurzfristige Finanzierung des Defizits und gleichzeitig durch eine vorübergehende Anhebung der Zölle für Konsumgüter sowie über eine Lockerung der Geldpolitik die Wirtschaft zu reaktivieren. Für letzteres scheut er sich auch nicht, den Zentralbankchef Pedro Pou zu opfern, dessen Absetzung durch den Präsidenten am Dienstag als sichere Sache galt.

Bisher scheint Cavallo entschlossen, sich trotz des starken Drucks der Finanzmärkte das Zepter nicht aus der Hand nehmen zu lassen. "Unser Finanzierungsprogramm für dieses Jahr ist fast komplett", schrieb er in einem offenen Brief. "Auch an dem Finanzierungsprogramm und an dem Haushaltsplan für 2002 arbeiten wir bereits. Sehr bald werden wir eine Reorganisation der Regierung verkünden, die uns eine strengere Kontrolle des Sozialsystems erlaubt, welches die Hälfte der nationalen Staatsausgaben ausmacht."

Fürs erste ist Cavallo also offenbar entschlossen, die Turbulenzen der Finanzmärkte einfach auszusitzen. "Die heutigen Probleme sind durch Gerüchte entstanden und werden sich schnell von selbst lösen", beruhigte er lakonisch seine Landsleute, nachdem er lange in der Nacht zum Dienstag mit dem Präsidenten beraten hatte. Die Argentinier immerhin glauben ihm und bleiben fürs Erste gelassen.

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