Nach einer Gewinnwarnung
Anleger verlassen ABB in Scharen

Nach einer Gewinnwarnung am Montagabend ist es Dienstag zu einer Massenflucht der Anleger aus ABB gekommen. An der Börse verlor die Aktie bei weit überdurchschnittlichen Umsätzen mehr als 60 Prozent. Auch die Kurse der ABB-Anleihen kamen unter Druck.

Reuters ZÜRICH. Die Kurseinbrüche signalisieren nach Ansicht von Analysten auch einen Vertrauensverlust gegenüber dem erst einige Monaten amtierenden Konzernchef Jürgen Dormann, der nun auch mitteilen musste, dass die Rückstellungen für die Asbestprozesse in den USA möglicherweise nicht reichen. Für Analysten blieben noch eine Reihe von Fragen offen.

Am Montagabend teilte ABB mit, aufgrund der anhaltenden Marktschwäche und der niedriger als erwartet ausgefallenen Kosten-Einsparungen seien die bisher formulierten Ertragsziele im laufenden Jahr nicht zu erfüllen. Auch die mittelfristigen Ertragsziele würden überprüft. Dormann, der seit September zusätzlich zum Ende 2001 übernommenen Verwaltungsratspräsidium auch als Konzerleiter amtiert, hatte bei der Übernahme der Konzerleitung die noch von seinem Vorgängern Jörgen Centerman stammenden Ziele ausdrücklich bekräftigt.

ABB könne vor dem dritten Quartal 2003 nicht mit einem Aufschwung rechnen, erklärte Dormann nun weiter. Am Donnerstag, wenn ABB die Zahlen über die ersten neun Monaten veröffentlicht, sollen weitere Einzelheiten eines Sparprogramms veröffentlicht werden. Zudem teilte ABB mit, die Rückstellungen für die Asbest-Klagen in den USA dürften wahrscheinlich nicht ausreichen. Möglicherweise will ABB die betroffene US-Tochter Combustion Engineering (CE) unter Gläubigerschutz stellen. Das traf nicht allein die Aktien. Moody's stufte das Kreditrating des Konzerns zurück auf "Baa3" von "Baa2". Das ist noch eine Stufe über dem Junk-Bond-Niveau. Für ABB-Anleihen wurden noch Kurse bezahlt, die unterhalb von 50 Prozent des Nominalwertes lagen. Der Umsatz hielt sich allerdings in Grenzen. Die Sorge, ob die Rating-Senkung auch die Bank-Kredite der ABB berührt, konnte der Konzerns dämpfen. Die Rating-Senkung ziehe keine Neu-Verhandlung des Kredits nach sich, hiess es bei ABB.

Doch offen bleibt die Frage des Vertrauens und der Glaubwürdigkeit. "Ich befürchte, dass der neue CEO Dormann bereits seine Glaubwürdigkeit verloren hat," erklärte Fabrizio Cattaneo von der Bank Julius Bär. Dormann, einst gefeierter Sanierer des deutsch-französischen Pharmakonzerns Aventis, hatte die Wiederherstellung des Anleger-Vertrauens ganz oben auf seine Ziele-Liste gesetzt. Noch vor wenigen Wochen hatte Dormann die Ziele bei ABB als erreichbar bezeichnet und so zu einer gewissen Beruhigung bei den Anlegern beigetragen.

"Dormann hat die Gelegenheit verpasst zu zeigen, dass er versteht, was bei ABB vor sich geht," sagte Andreas Riedel von der Bank Sarasin. Er stufte ABB auf "Reduce" von "Buy" zurück und erklärte, bereits Mitte September sollte sich die ABB-Spitze der unsicheren Ertragslage bewusst gewesen sein. "Gegenwärtig ist ABB ein Unternehmen, das von Fragezeichen umgeben ist und kein Unternehmen, in das man investieren sollte," sagte ein Analyst am Dienstag.

Alex Migliorini von Pictet erklärte zu dem möglicherweise bevorstehenden Gläubigerschutz gemäss Kapital 11 des US-Konkursrechts für die Tochtergesellschaft Combustion Engineering, es bleibe abzuwarten, ob sich ABB damit weiteren Verpflichtungen entziehen könne. Raymond Greaves und John Pearson, Analysten bei der US-Investmentbank Merrill Lynch, ist kein Fall bekannt, in dem ein Unternehmen eine Tochtergesellschaft unter Gläubigerschutz stellte und sich damit vor weiteren Forderungen schützen konnte. Merrill Lynch rechnet weiterhin damit, dass sich die Asbest-Verpflichtungen schliesslich auf drei Milliarden Dollar belaufen dürften im Vergleich zu knapp einer Milliarde, die ABB bisher reserviert hat.

Bei diesem Mittelbedraf rechnen Analysten damit, dass ABB um eine Kapitalerhöhung nicht herumkommt. Mit Blick auf die längerfristigen Zielsetzungen, die ABB überprüfen will, erwartet Merrill Lynch eine deutliche Senkung. Demnach sieht die Investmentbank bis 2005 neu ein Betriebsgewinn-Margenziel von etwas über fünf Prozent statt der bisher genannten fünf bis zehn Prozent.

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