Nach Entlassungen
Angestellte zerren Banken vor Gericht

Anthony White war jahrelang als Händler bei dem Broker Paine Webber angestellt. Als UBS Warburg die Amerikaner vor zwei Jahren übernahm, wurde ihm der Personen-Überhang im Investment-Banking zum Verhängnis. Die Bank feuerte ihn, angeblich ohne ihm den Bonus von 400 000 Pfund (gut 630 000 Euro) zu bezahlen. Der Mitt-Vierziger, der Paine Webber nach seiner Ansicht durch geschickten Handel mehrere Millionen Pfund eingebracht hatte, ließ das nicht auf sich sitzen. Er nahm sich einen Anwalt.

LONDON. Das bislang letzte Kapitel dieser Geschichte trägt die Überschrift "White vs. UBS" und wartet auf einen Termin vor dem Londoner High Court. Die überaus diskrete Schweizer Bank hat damit einen unangenehmen Fall im eigenen Haus - und befindet sich in bester Gesellschaft: Merrill Lynch muss sich in London gleich gegen zwei frühere Angestellte wehren. Der Leiter des weltweiten Fixed-Income-Sektors Tim Manna verklagte die amerikanische Investmentbank, weil sie ihn wegen einer angeblich schlechten Beaufsichtigung eines Junior-Bankers auf Irrwegen schasste. Dem Aktienhändler Stephen Fairholme waren Boni im Wert von 500 000 Pfund nicht genug.

Auch die Allianz-Tochter Dresdner Kleinwort Wasserstein dürfte bald einen ihrer früheren Angestellten vor dem High Court wiedersehen. Andrew Curran, einst ein Anleihe-Star von Kleinwort Benson, fühlte sich nach der Fusion mit Wasserstein-Perella zur Seite geschoben. Im September 2001 verließ er das Institut und verlangte knapp eine Million Pfund Entschädigung. Der Gang zum Gericht sei kaum noch zu vermeiden, heißt es aus dem Institut.

Angestellten wehren sich

Die Fälle mögen unterschiedliche Ursachen haben, alle kommen jedoch für die Banken zu einer Unzeit. Die Häuser leiden unter schrumpfenden Gewinnen, seit Monaten rollen die Entlassungs- und Reduzierungswellen durch die City. Schätzungen gehen von mehr als 10 000 verlorenen Arbeitsplätzen im Jahr 2001 aus. Sehr teure und - fast noch schlimmer - öffentliche Prozesse sind das letzte, was die Banken jetzt benötigen. Doch die Angestellten wehren sich gegen die vermeintliche Willkür ihrer Arbeitgeber in schlechten Zeiten. Es geht um Vertragsbrüche, leistungsbezogene Entlassungen und Diskriminierung. "Wir werden in nächster Zeit noch weitere, weitaus spektakulärere Prozesse sehen", sagt etwa Jane Mann, Chairman der Vereinigung britischer Arbeitsrechtler. Charles Ferguson von Ferguson Solicitors, dem bereits einige Erfolge vor dem High Court gegen Banken gelungen ist, war nach eigenen Angaben "noch nie so beschäftigt wie heute". Einen Grund für die vermeintlich höhere Klagefrequenz sieht Mann in der schieren Zahl des Stellenabbaus im Bankensektor. "Manche Verträge sind für den Fall von Entlassungen schlechter formuliert als andere", sagt Clare Murray, Partnerin der auf Arbeitsrecht spezialisierten Anwaltskanzlei Fox Williams, die Institute und Einzelpersonen berät. Allgemein verzeichnen die Anwälte ein "prozessfreudigeres Verhalten", erläutert Mann.

Das bestätigt auch die Statistik. Das britische Handelsministerium verzeichnete im Jahr 2000, dem letzten Jahr der Erhebung, einen sprunghaften Anstieg der so genannten "Employment Tribunals" in der britischen Wirtschaft um 25% auf mehr als 130 000 Fälle. Behandelt wurden unter anderem Fälle von unfairer Entlassung, sexueller Diskriminierung, und Vertragsbrüche. Neben veränderten Bedingungen in der Arbeitswelt vermutete auch die Regierung "eine erhöhte Neigung zu Klagen".

Anwälte reiben sich die Hände

Als Meilenstein für Banker gilt der Prozess eines Händlers gegen die Nomura Bank im Jahr 2000. Das japanische Institut hatte in London Steven Clark ohne Zahlung eines Bonus herauskomplementiert. Clark war mit einem Jahreseinkommen von rund 16 Mill. Pfund bis dato einer der erfolgreichsten Händler. Er zog vor den High Court und gewann mit einem wegweisenden Urteil. Die Banken, so argumentierte das Gericht damals, dürften Boni nicht "irrational" einbehalten. Seitdem reiben sich vor allem die auf Arbeitsrecht spezialisierten Anwälte die Hände. Bei einem Stundensatz zwischen 150 und 600 Pfund plus Mehrwertsteuer können sie sich vor Anfragen kaum retten. Anwalt Ferguson etwa bekommt derzeit "jede Woche eine Anfrage". Erfahrungswerten zufolge erledigen sich die meisten der Anfragen frustrierter Angestellter jedoch, bevor sie vor Gericht landen. In den meisten Fällen enden die erfolgversprechendsten Gesuche in außergerichtlichen Einigungen, über die beide Seiten schweigen.

Die Banken selbst geben sich entsprechend zugeknöpft zu diesem Thema. Eine Zunahme der Prozesse, so lässt sich zumindest UBS Warburg entlocken, habe man nicht notiert. "Wer in diesen Tagen einen neuen Job haben will, sollte keinen Prozess anstreben", sagt ein Banker dort zweideutig. Von den anderen bestätigen die meisten nur unter vorgehaltener Hand, dass es diese Prozesse gibt. Ein Sprecher von Investec Securities räumt wenigstens ein, dass die Angestellten "wesentlich aggressiver sind als früher".

Das Brokerhaus musste das selbst schmerzlich erfahren, liegt es doch zurzeit mit der früheren Medien-Analystin Louise Barton im Rechtsstreit. Sie klagte, weil sie angeblich weniger Geld bekommen hat als Kollegen anderer Häuser in vergleichbaren Positionen. Dass die Prozesse den Arbeitnehmern schaden, glauben die Anwälte nicht. "Die Vorgesetzten in den Banken nehmen nur Prozesse wegen angeblicher Diskriminierung persönlich", sagt Jane Mann aus ihrer eigenen Erfahrung. Erst kürzlich etwa gewann Julie Bowers in einem Verfahren wegen sexueller Diskriminierung von ihrem Arbeitgeber Schroder Securities 1,5 Mill. Pfund, weil ihre männlichen Kollegen einen höheren Bonus bekommen hatten. Für sie dürfte es schwer sein, in der City einen Job zu bekommen, sagt ein Banker. Ansonsten seien die Prozesse auf gewisse Art nur die konsequente Weiterführung des Arbeitslebens, sagt Mann: "Die City dreht sich auch nur um Geld."

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