Nach Euphorie und Ernüchterung
Kabelfernsehen nimmt zweiten Anlauf

Vor zwei Jahren machte das Kabelnetz noch Schlagzeilen. Auf der Mattscheibe liefen zwar seit Jahren die gleichen Programme, doch hinter den Kulissen ging es zu wie in einem spannenden Western.

HB/dpa STUTTGART. Die Amerikaner Richard ("Dick") Callahan und John Malone wollten die Kabelnetze der Deutschen Telekom kaufen und mit Milliarden-Investitionen aufrüsten. Den Zuschauern versprachen sie ein multimediales Feuerwerk im eigenen Wohnzimmer: Internet, Telefon, interaktives Fernsehen - alles übers Kabel. Callahan erstand die Netze in Nordrhein-Westfalen (NRW) und Baden-Württemberg, Malone warf sein Lasso nach den übrigen Regionen. Dann kam alles anders.

Das Bundeskartellamt untersagte Malone, der mit seinem Unternehmen Liberty Media auch Programminhalte verkauft, die Übernahme. Investor Callahan ging das Geld aus. Seine von vermeintlichen Marketing-Genies in "ish" umbenannte Kabeltochter in NRW musste Hunderte von gerade erst eingestellten Mitarbeitern wieder entlassen, Pannen beim Ausbau des Netzes zur breitbandigen Datenautobahn vergraulten die Kunden. "Peinlish", kommentierten die Zeitungen. Callahan und Malone, die ihre Unternehmen beide von Denver im US-Bundesstaat Colorado aus lenken, kehrten dem deutschen Markt den Rücken. Die Ära des "Denver- Clans" war vorbei, noch bevor sie richtig begonnen hatte.

Inzwischen herrschen wieder klare Verhältnisse. Die regionalen Kabelnetze gehören heute unterschiedlichen Konsortien, die aus Finanzinvestoren und teils auch Gläubigerbanken zusammengesetzt sind. Der größte Anbieter ist Kabel Deutschland mit den sechs ursprünglich von Malone ins Auge gefassten regionalen Netzen. Hinzu kommen ish in NRW, Kabel BW in Baden-Württemberg und iesy in Hessen. Die großen Pläne zum Ausbau sind in den Schubladen verschwunden, und die Branche übt sich in Bescheidenheit. "Erstklassige Empfangsqualität auch bei schlechtem Wetter", beschreibt eine Broschüre von Kabel BW nun die Vorzüge des Mediums. Für die Zuschauer hat sich außer in einigen aufgerüsteten Pilotgebieten nichts geändert.

Auf der IFA in Berlin, eigentlich das Schaufenster des zukünftigen Fernsehens, wird von den Kabelnetzbetreibern wenig zu sehen sein. "In aller Diskretion" würden derzeit politische Kontakte geknüpft und an neuen Konzepten gearbeitet, erklärt ein Sprecher des Deutschen Kabelverbands, der neuen Dachgesellschaft der Netzbetreiber. Ziel sei es, gemeinsam mit Programmanbietern und Vertretern der Wohnungswirtschaft über den Einstieg ins digitale Fernsehen zu verhandeln. Heute schon bieten einige Kabelnetzbetreiber für türkische oder italienische Kunden Fremdsprachen-Programme an, weitere digitale Pakete werden in ausgewählten Gebieten getestet. Im Frühjahr 2004, so schätzen Experten, könnte dann ein bundesweites Angebot mit bis zu 50 zusätzlichen Kanälen an den Start gehen.

Gelegen kommt den Kabelnetzbetreibern dabei der technische Fortschritt, der eine schrittweise Aufrüstung nun auch ohne Bagger ermöglicht. Außerdem hat die Branche festgestellt, dass sich Kostenvorteile erzielen lassen, wenn alle an einem Strang ziehen. Die Kabelprogramme werden zunächst von einem Ort im Taunus zum Satelliten übertragen und von dort weiter zu den einzelnen Einspeisungspunkten der Netze geleitet. Je besser diese teure Infrastruktur ausgelastet ist, desto günstiger wird es. Angemessene Preise dürften auch die Voraussetzung dafür sein, dass sich immer mehr Zuschauer für digitales Fernsehen begeistern und die dafür erforderlichen Set-Top- Boxen kaufen. Und nur wenn sie das tun, haben sich am Ende auch die Investitionen der neuen Kabelnetz-Eigentümer gelohnt.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%