Nach gescheitertem Übernahmeversuch
Europas Börsenpoker kann in neue Runde gehen

rtr FRANKFURT. Nach dem gescheiterten Versuch des schwedischen Finanzmarktbetreibers OM Gruppen , die Londoner Börse auf dem feindlichen Wege zu übernehmen, kann das Rennen um die Vormachtstellung unter Europas Finanzplätzen in eine neue Runde gehen. Rein äußerlich stand der Konsolidierungsprozess in der europäischen Börsenlandschaft in den vergangengen Wochen zwar still. Die meisten Börsenbetreiber dürften sich nach Einschätzung von Finanzmarktexperten in dieser "Ruhepause" jedoch intensiv auf ihre nächsten strategischen Schritte vorbereitet haben. Beobachter warten mit Spannung auf mögliche Aktionen der Deutschen Börse, des Fusionsmarktes Euronext oder der amerikanischen Nasdaq.

Eigentlich wollten sich Deutsche Börse und London Stock Exchange (LSE) zur "Superbörse" iX zusammenschließen, was jedoch an der überraschenden Übernahmeofferte von OM Gruppen scheiterte. Einige Beobachter behaupten nach wie vor, dass der Vorstoß aus Stockholm den LSE-Chefs nur Recht kam, da der Fusionsplan von den Eignern der traditionsreichen Londoner Börse ohnehin gekippt worden wäre. Allerdings hatte sich nicht nur an der Themse sondern auch am Main Widerstand gegen die iX-Pläne aufgebaut. Neben Besitzstandsdenken kamen vor allem Zweifel an der gesetzlichen und regulatorischen Machbarkeit von iX auf.

Kosten für Wertpapierhandel sollen gesenkt werden

Die traditionellen Börsen in Europa werden aus mehreren Gründen zu einer Konsolidierung getrieben. Zum einen dringen die großen und einflussreichen Banken und Investmenthäuser - die in der Regel auch die Haupteigentümer der Börsen sind - darauf, die Kosten für den Wertpapierhandel zu senken, die durch die "Vielstaaterei" um das bis zu Zehnfache über denjenigen in Amerika liegen. Zum zweiten graben aufstrebende elektronische Handelssysteme wie Tradepoint sowie die zahlreichen Online-Banken den etablierten Märkten zusehends das Wasser ab. Der Versuch der großen europäischen Börsen, auf diesen Trend mit der Schaffung einer länderübergreifenden Handelsplattform zu reagieren, scheiterte. Der ehrgeizige Frankfurter Börsenchef Werner Seifert kündigte daraufhin an, die Deutsche Börse in "Euroboard" umbenennen und selbst an die Börse bringen zu wollen, was jedoch wegen iX nicht in die Tat umgesetzt wurde.

In der Zeit des am Freitag abgelaufenen Angebots von OM Gruppen, das lediglich 6,7 % der LSE-Aktionäre annahmen, hielten sich außenstehende Dritte wie die Deutsche Börse mit Kommentaren oder Gegenreaktionen weitestgehend zurück. Lange wurde darüber spekuliert und diskutiert, ob Frankfurt als "Weißer Ritter" ein freundliches Gegenangebot platzieren könnte, wobei Aufsichtsratschef Rolf Breuer jedoch vor einem "teutonischen Alleingang" abriet. Daher wurde mit einer freundlichen Gegenofferte der Börsen Frankfurt, Mailand und Madrid - möglicherweise sogar unter Teilnahme der Nasdaq - spekuliert, die bisher jedoch ausblieb. Auch auf ein Angebot der aus den Finanzplätzen Amsterdam, Brüssel und Paris entstandenen Fusionsbörse Euronext, die bereits seit längerem um die Gunst der LSE buhlt, wurde bisher vergeblich gewartet.

In beteiligten Finanzkreisen wird mittlerweile nicht mehr mit einem Angebot der Deutschen Börse für den früheren Fusionspartner LSE gerechnet. Im Gegenteil wäre ein solcher Schritt "äußerst gefährlich", ist aus börsennahen Frankfurter Kreisen zu hören. Die Aussichten einer freundlichen Offerte auf Erfolg seien mittlerweile so gering, dass selbst Börsenchef Seifert sich nicht mehr daran wage. "Wenn schon die Fusion auf der Kippe stand, wie soll dann eine Übernahme klappen", hieß es. Nach dem Platzen des iX-Projekts hatte Seifert selbst angekündigt, dass die Deutsche Börse "Handlungsalternativen" prüfen wolle. Beobachter rechnen nun damit, dass Frankfurt anstelle einer Neuauflage der deutsche-britischen Allianz wohl eher ihre eigene Position ausbauen werde, um aus dieser Stärke heraus die Konsolidierung voranzutreiben. "Die holen wieder ihr altes Euroboard-Konzept hervor", prognostizierte ein Kenner. Dazu zähle auch der Aufbau einer Handelsplattform für Kleinanleger. Daneben arbeitet die Frankfurter Börse Insidern zufolge weiterhin intensiv an Plänen mit dem US-Technologiemarkt Nasdaq und den Finanzplätzen Mailand und Madrid. "Die geben sich die Klinke in die Hand", hieß es.

Die LSE hatte zur Abwehr der unerbetenen Kaufofferte aus Stockholm bereits verschiedene Maßnahmen wie den Aufbau eines europäischen Wachstumsmarktes angekündigt. Experten zufolge braucht die Londoner Börse vor allem eine neue Technologie, da ihr jetziges Handelssystem Set als veraltet und nicht mehr wettbewerbsfähig gilt. Neben der Deutschen Börse dürften vor allem Euronext und die Nasdaq schon bald mit neuen Konsolidierungsplänen aufwarten. Der US-Markt hatte schon vor Monaten angekündigt, seine Aktivitäten in Europa ausbauen zu wollen, und Euronext bot der LSE bereits mehrfach eine Zusammenarbeit an. Einige LSE-Aktionäre signalisierten bereits Interesse an dieser Option. Auch die New York Stock Exchange, die derzeit mit weiteren großen Finanzplätzen an einer globalen Handelsplattform arbeitet, zeigte Interesse an einer Kooperation mit London. Auch OM Gruppen will sich trotz des gescheiterten Vorstoßes Richtung Themse nicht ganz von der Bildfläche verdrängen lassen. Im Gegenteil kündigte ihr Chef Per Larsson an, mit der Londoner Börse neue Gespräche aufnehmen zu wollen.

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