Nach hohen Preisanstiegen
Wall Street zwischen Inflation und Rezession

Was steht bei der Notenbank an erster Stelle: Das Abwenden einer drohenden Rezession oder die Bekämpfung anscheinend aufkommender Inflation? Eine Frage, die an der Wall Street nach dem unerwartet starken Anstieg der Produzenten- und Verbraucherpreise für neue Wogen der Unsicherheit sorgt.

NEW YORK. Dabei scheint sich die Mehrheit der Volkswirte einig zu sein, dass das Sorgenkind der Notenbank die Konjunktur ist. "Auch ein kurzer Schluckauf an der Inflationsfront wird daran nichts ändern", schätzt Richard Yamarone von Argus Research.

Mag sein, dass die Verbraucherpreise mit einem Plus von 0,6% den größten Monatsanstieg seit März letzten Jahres verzeichnet haben; ein Großteil der Steigerung ist jedoch auf den Energiebereich zurückzuführen. Der härteste Winter seit über zehn Jahren hat die Strompreise um 2,6% und die Gaspreise sogar über 17% nach oben getrieben. Statt auf die Gesamtrate zu achten, sollten sich Investoren die Kernrate vor Augen halten, die weder den volatilen Energie- noch den Nahrungsmittelbereich beinhaltet.

Die Lag mit einem Plus von 0,3% zwar um 0,1% über den Erwartungen, entwickelte sich aber um einiges moderater. "Was wir sehen ist weniger der Ausbruch von Inflation, sondern eine Belastung für den Geldbeutel des Konsumenten", zieht Neal Soss von der Credit Suisse Bilanz. Der Verbraucher, verunsichert durch die Korrektur am Aktienmarkt und den zahlreichen Meldungen von Entlassungen, muß sich nun auch über mögliche Inflation den Kopf zerbrechen. Kein Wunder, dass am vergangenen Freitag der größte Einbruch beim Verbrauchervertrauen seit der Rezession 1990-91 gemeldet wurde. "Die Bedenken ziehen sich mittlerweile durch alle Einkommensschichten", warnt Richard Curtin von der Universität Michigan.

Der Verbraucher scheint zunehmend den Eindruck zu gewinnen, dass die Konjunktur zum Stillstand gekommen ist. Eine Entwicklung, die Alan Greenspan weitaus mehr interessieren dürfte als der Schluckauf an der Inflationsfront. "Was das Vorhersagen von Rezessionen so schwer macht, ist das irrationale Verhalten des Verbrauchers", warnte Greenspan in einer Rede am 25. Januar vor dem Kongreß. Nicht zuletzt aufgrund der Medienberichterstattung sieht der Verbraucher die Lage ernster, als notwendig ist. Lässt die Angst nicht nach, drohen die Bedenken zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung zu werden. Mit dem Verbrauchervertrauen auf dem niedrigsten Niveau seit 1993 und einem irrationalen Aktienmarkt, steigt die Wahrscheinlichkeit das Greenspan bereits vor der nächsten Notenbanksitzung am 20. März die Zinsen senken wird.

"Sollten andere wichtige Wirtschaftsdaten im Februar auf eine nachlassende Konjunktur deuten, stehen die Chancen einer überraschenden Senkung gut", vermutet Soss. Das die Notenbank den Schwerpunkt auch weiterhin bei der Rezessionsvermeidung setzt, wurde auch durch eine Rede von Robert Parry, Chef der Notenbank von San Francisco, deutlich. Nach Bekanntgabe der Verbraucherpreise warnte Parry, dass die Konjunktur vor einem steinigen Weg stehe. "Wie stark und wie lange die konjunkturelle Abkühlung sein wird, ist zur Zeit nicht abschätzbar", so Parry weiter. Tatsache sei, dass die Konjunktur anfälliger ist als bisher von der Notenbank erwartet.

Die Notenbank habe weiteres Zinssenkungspotential, solange das Wirtschaftswachstum unter dem inflationsverträglichen Niveau lege. Laut der Notenbank kann die Konjunktur zwischen 3,5 bis 4% expandieren, ohne dabei das Inflationsgespenst zu beschwören. Mit einem voraussichtlichen Wirtschaftswachstum von 2,5 bis 2,75% und noch immer sehr hohen Realzinsen scheint damit eines klar zu sein: Auch mit den unerwartet hohen Verbraucher- und Erzeugerpreisen, dürfte die Zinssenkungsrunde in den USA noch nicht beendet sein.

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