Nach "Pisa-Debakel"
Schröder fordert nationale Bildungsreform

Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) hat als Konsequenz aus dem schlechten Abschneiden deutscher Schüler beim Pisa-Bildungstest eine nationale Schulreform gefordert und den Bundesländern Versagen vorgeworfen.

Reuters BERLIN. Schröder schrieb in einem am Mittwoch vorab veröffentlichten Beitrag für die Wochenzeitung "Die Zeit", notwendig seien nationale Bildungsstandards, die für alle Schüler verbindlich seien und in einem nationalen Rahmengesetz festgeschrieben werden müssten. Damit stellte der Kanzler die Bildungs-Kompetenz der Bundesländer grundsätzlich in Frage, denen er Versagen vorwarf. "Die Kultusministerkonferenz hat sich ihr Zeugnis abgeholt: Ihre Gesamtleistungen sind schlecht, Versetzung ausgeschlossen." Bereits am Dienstag hatten sich Vertreter der Länder gegen eine Einmischung des Bundes gewehrt.

Schröder schrieb in der "Zeit", was von den Ländern als föderaler Wettbewerb gepriesen werde, erweise sich im Licht der innerdeutschen Pisa-Ergebnisse "als Länderegoismus auf dem Rücken der Schüler". Im internationalen Pisa-Bildungstest schnitten deutsche Schüler in allen Bereichen unter dem Durchschnitt ab. Im innerdeutschen Vergleich belegte Bayern in fast allen Wertungen den Spitzenplatz, gefolgt von den CDU-regierten Ländern Baden-Württemberg, Sachsen und Thüringen.

Schröder: "Wir müssen die Schule retten"

Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) hatte am Dienstag angekündigt, nationale Bildungstests an Schulen auch gegen den Widerstand der Bundesländer durchzusetzen. Schröder schrieb in der "Zeit", es gehe zuallererst darum, ob überall in Deutschland die gleichen Bildungschancen und damit auch Lebenschancen garantiert seien. "Wir müssen die deutsche Schule retten und nicht die Kultusminister", schrieb Schröder.

Die Situation des Bildungswesens verlange Entscheidungen, die das Korsett üblicher Parteien- und Kompetenzstreitigkeiten sprengten, schrieb Schröder weiter: "Wir stehen an einem Wendepunkt, an dem wir darüber entscheiden müssen, ob wir zu einer gewaltigen nationalen Kraftanstrengung zur Erneuerung von Schule und Bildung bereit sind."

Als zentralen Punkt einer nationalen Schulreform nannte Schröder die Festlegung nationaler Bildungsstandards, "die für alle Schüler in Deutschland verbindlich sind". Als nächstens müssten deutschlandweit Mindeststandards für eine solide Grundausbildung festgelegt werden. Weiter forderte Schröder einen nationalen Lehrplan für die Kernbereiche der Schulbildung. Die Leistungen im Bildungsbereich sollten durch einen regelmäßigen "Bildungs-TÜV" überprüft werden.

Schröder forderte zudem ein anderes Vorschulkonzept. Die Erziehung in Kindergärten und Vorschulen sei bisher zu wenig als Bildungsauftrag begriffen worden. Auch müssten Kinder früher eingeschult werden. Als weitere Punkte nannte Schröder die Ausrichtung der Schulen auf die Einwanderungsgesellschaft und eine stärkere Eigenverantwortung für die Schulen.

Eine solche Reform sei nur zu bewältigen, wenn "das deutsche Pisa-Debakel nicht für kurzatmige Profilierungsspielchen oder für föderale Selbstblockaden in der Kultusministerkonferenz" missbraucht werde, schrieb Schröder. Als Ziel nannte er, dass Deutschland in zehn Jahren unter den besten fünf Bildungsnationen stehen müsse.

Baumert sieht für kein Bundesland Anlass zum Triumph

Der Leiter der Pisa-Studie, Jürgen Baumert, sagte der "Zeit", die Studie gebe keinem Bundesland Anlass zum Triumph. Auch Bayern und Baden-Württemberg seien trotz ihres Abschneidens von der internationalen Spitze noch weit entfernt. Die Studie zeige außerdem, dass die soziale Ungleichheit in Deutschland gewaltig sei. So habe in Bayern ein Kind aus der Oberschicht eine sechsmal höhere Chance, ein Gymnasium zu besuchen, als ein Kind aus einem Facharbeiter-Haushalt.

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