Nach Politikwechsel in USA verschärfter Druck von außen
Pharma-Industrie muss um Gewinne fürchten

Die Kritik in den USA an den Pharma-Konzernen nimmt zu. Politiker und Verbraucher fordern Preissenkungen im weltweit wichtigsten Markt der Branche. Um ihre Gewinne zu sichern, lassen sich die Konzerne einiges einfallen. Schließlich stehen sie auch noch unter dem hohen Ertragsdruck der Börse.

HB NEW YORK. Die US-Pharma-Industrie steht unter Druck. Nachdem sich die Mehrheiten im US-Senat zu Gunsten der Demokraten geändert haben, steigt mit Edward Kennedy in dieser Woche ein Kritiker der Pharma-Industrie zum Vorsitzenden des Gesundheitsausschusses auf. Und das bedeutet vor allem eins: Preisdruck für die Branche. Kennedy will alles daran setzen, dass die Pharma-Konzerne ihre Preise senken. Denn die sind im internationalen Vergleich so hoch, dass viele US-Bürger ihre Medikamente in Kanada kaufen.

Die Neu-Besetzung kommt zu einer Zeit, in der die Branche in den USA ohnehin unter Beschuss steht. "Die Unternehmen werden von allen Seiten attackiert", beschreibt Herman Saftlas, Analyst der Rating-Agentur Standard & Poor's, die Lage. Nach der Diskussion über die radikale Kostensenkung für Aids-Medikamente in Südafrika kritisieren auch immer mehr amerikanische Verbraucher die hohen Gewinnmargen der Industrie und fordern Preissenkungen. In den USA - dem einzigen Markt ohne Preisregulierung für Arzneien - entsteht damit ein neuer Trend. Bisher hatten sich die Verbraucher mit dem Argument der Unternehmen abgefunden: Nur wo Gewinne locken, wird auch nach wirksamen Medikamenten geforscht.

Gewinne um 15 % gesteigert

Jetzt wird die Kritik lauter an der Industrie, die ihre Gewinne im vergangenen Jahr um 15 % steigerte. Der US-Markt macht dabei 40 % der globalen Umsätze von verschreibungspflichtigen Medikamenten und 60 % der Gewinne aus. Auch ausländische Anbieter buhlen um die amerikanischen Kunden. Bei Aventis macht der US-Markt ein Drittel des Pharmaumsatzes aus, bei Bayer sind es 40 %. Die Industrie wehrt sich mit aller Macht gegen die Versuche, die Profite zu schmälern.

Dem generellen Zwang zu Ertragssteigerungen traten viele Unternehmen der Branche bereits mit Stellenkürzungen und weiteren Konsolidierungsmaßnahmen entgegen. Erwarten Analysten von den Pharma-Konzernen doch Gewinne im Bereich von 20 % und darüber.

Ein US-Bundesgericht versetzte der Industrie im Mai einen schweren Schlag: Es bestätigte ein Gesetz des Bundesstaates Maine, das günstigere Preise für Bürger ohne Versicherungsschutz vorschreibt. Da weitere elf US-Bundesstaaten ähnliche Gesetze erlassen haben, befürchtet die Branche das Schlimmste.



Doch damit nicht genug. Auch die Krankenversicherungen, deren Kosten für Medikamente im vergangenen Jahr um 19 % auf 132 Mrd. $ gestiegen sind, fordern niedrigere Preise. Zum ersten Mal hat die US-Gesundheitsbehörde Federal Drug Administration (FDA) im Mai auf den Druck eines Versicherers reagiert und verschiedene Allergie-Medikamente als sicher genug für den rezeptfreien Verkauf eingestuft. Denn wenn die Hersteller ihre Produkte rezeptfrei abgeben müssen, werden sie die Preise senken, damit die Kunden nicht den Anbieter wechseln. Die Versicherer zahlen nämlich nicht für rezeptfreie Medikamente.

Auch hausgemachte Probleme

Zum Teil sind die Probleme auch hausgemacht: Bei vielen Großen - Merck & Co., Eli Lilly, Bristol-Myers Squibb und Schering-Plough - laufen demnächst wichtige Patente aus und hinterlassen eine Lücke. Bis 2005 werden voraussichtlich Medikamente im Wert von 28 Mrd. $ ihren Patentschutz verlieren.

Um ihre Stellung und ihre Gewinne zu verteidigen, lässt sich die Industrie einiges einfallen. Zum einen setzen sie auf den Zukauf von neuen Arzneien, die noch in der Entwicklung sind, vor allem bei Biotech-Unternehmen. Auch weitere Groß-Fusionen unter Pharma-Konzernen gelten als Option. Zum anderen bedienen sich die Konzerne verschiedener umstrittener Methoden. So versuchen sie gerne, das Auslaufen von Patenten herauszuzögern - etwa dadurch, dass sie Farbe der Pille oder die Dosierung von täglich auf wöchentlich umstellen. Gerne lassen die Unternehmen auch die Sicherheit der Medizin für Kinder prüfen. Dies verlängert den Patentschutz um weitere sechs Monate.

Umstritten ist vor allem die Praxis, Generika-Hersteller dafür zu bezahlen, dass sie keine Billig-Versionen auf den Markt bringen. Erst jüngstens haben 15 Bundesstaaten den Pharma-Konzern Aventis und den US-Generikahersteller Andrx verklagt, weil sie die Vermarktung eines Herzmittels herausgezögert haben sollen. Die US-Kartellbehörde, die Federal Trade Commission (FTC) wirft auch Schering Plough, Bristol-Myers Squibb und verschiedenen Generikaherstellern ähnliche Praktiken vor. Bei 90 US-Herstellern will die Behörde demnächst die Verzögerungstaktiken unter die Lupe nehmen.

Katharina Kort
Katharina Kort
Handelsblatt / Korrespondentin
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