Nach positivem Doping-Befund
Jan Ullrich abgetaucht

Jan Ullrich ist nach seinem positiven Doping-Befund abgetaucht. Während Teamchef Rudy Pevenage eine Kündigung des bis 2003 laufenden Vertrages als "eine Möglichkeit" in Betracht zog, öffnete Kommunikations-Direktor Jürgen Kindervater bereits eine Hintertür.

dpa LUXEMBURG/HAMBURG. Jan Ullrich ist nach seinem positiven Doping-Befund beurlaubt und abgetaucht. Sein Arbeitgeber Telekom arbeitet zwei Tage vor dem Start der 89. Tour de France fieberhaft an einem Zukunftsmodell für den Rad-Olympiasieger und Tour-de-France Gewinner von 1997. Während Teamchef Rudy Pevenage eine Kündigung des bis 2003 laufenden Vertrages als "eine Möglichkeit" in Betracht zog, öffnete Kommunikations-Direktor Jürgen Kindervater bereits eine Hintertür.

Jedoch blieb einen Tag nach dem Bekanntwerden des Doping-Verdachts offen, welchen Ausgang dieser spektakuläre Fall im deutschen Sport nimmt. Ullrich muss sogar mit einem staatsanwaltlichen Ermittlungsverfahren rechnen, falls er der Einnahme des Rauschmittels Amphetamin endgültig überführt wird. Der zuständige Oberstaatsanwalt Eduard Mayer der Staatsanwaltschaft München II wies darauf hin, dass nicht der Konsum, "wohl aber der Erwerb und der Besitz von Amphetaminen strafbar ist".

Zunächst wurde Ullrich von der Teamleitung beurlaubt. "Das ist so üblich", bestätigte Manager Walter Godefroot der dpa. Bei einer unangemeldeten Kontrolle der deutschen Anti-Doping-Kommission (ADK) in der Rehabilitation nach einer Knie-Operation wurde bei dem 28- Jährigen am 12. Juni das Stimulanzmittel Amphetamin in der A-Probe nachgewiesen.

Bis zum (morgigen) Freitag hat Ullrich Gelegenheit, die Öffnung der B-Probe zu beantragen. "Ich gehe davon aus, dass er das tut", sagte Godefroot. "Danach wird innerhalb der nächsten zwei Wochen geklärt, wann und in welchem Labor das passiert." Godefroot bestätigte, dass er mit Ullrich telefoniert habe. "Er kann sich nicht erklären, wie der Befund zu Stande gekommen ist." Am Freitag soll es eine offizielle Erklärung des Tour-de-France-Siegers von 1997 geben.

Kindervater umriss die mögliche Haltung von Telekom so: "Doping zur Steigerung der Leistung hätte arbeitsrechtliche Konsequenzen, die vertraglich festgelegt sind. Ich gehe aber davon aus, dass Ullrich keine Mittel zu diesem Zweck genommen hat. Wir werden uns diesen Fall sehr genau ansehen müssen", sagte der Kommunikations-Direktor dem "Bonner Generalanzeiger".

Die Klinikleitung des Bad Wiesseer Medical-Parks hat jeglichen Zusammenhang zwischen der medizinischen Rehabilitation und der Amphetamin-Einnahme zurückgewiesen. Das sei "völlig ausgeschlossen", sagte der Ärztliche Direktor der Reha-Klinik, Dr. Hubert Hörterer. Die Einnahme von Aufputschmitteln "wäre kontraproduktiv". Auch Ullrichs Freiburger Arzt Heinz Birnesser schloss gegenüber Radio EINS aus, dass er seinem Patienten Substanzen verschrieben habe, die Amphetamine enthalten. Er nährte Spekulationen, wonach Ullrich das Aufputschmittel mit einem Party-Drink konsumiert haben könne.

Momentan ist der Merdinger abgetaucht und verweigert nähere Erklärungen. Sein Manager Wolfgang Strohband sagte: "Er ist nicht hier, bald aber wieder da." Er glaubt nicht, dass die millionenschweren Kontrakte seines Klienten in Gefahr sind. "Ich habe die Sponsoren informiert. Von ihnen gibt es keinerlei Reaktionen in Richtung Vertragsauflösung", sagte Strohband.

Dem neunköpfigen Tour-Team wurde die Nachricht über den Doping- Fall ihres Kapitäns am Mittwochabend in einer Mannschaftssitzung mitgeteilt. Am Donnerstag unterzog sich das Team wie alle 189 Tour- Starter der obligatorischen Blut-Kontrolle. Danach ging es auf eine Trainingsfahrt, um die Strecke des Team-Zeitfahrens vom kommenden Mittwoch zu studieren und sich auch von den deprimierenden Neuigkeiten abzulenken.

Tour-de-France-Direktor Jean-Marie Leblanc hat die positive Doping-Probe des Olympiasiegers als "Zeichen eines zerstörten Jungen" gewertet. "Ich bin überrascht und sehr enttäuscht", sagte Leblanc in Luxemburg. "Man muss sich fragen, warum sich ein Athlet, der keine Wettkämpfe bestreitet, dopt", erklärte Leblanc. Er vermutet, dass Ullrich seit seinem Autounfall unter Alkoholeinfluss in einer schweren moralischen Krise stecke. Leblanc will abwarten, wie sich der Fall Ullrich weiter entwickelt, deutete aber an, dem Tour-Sieger von 1997 die Tür für ein Comeback offen zu halten, "wie wir es mit Richard Virenque taten".

In der internationalen Presse spiegelt sich der spektakuläre Doping-Fall am Donnerstag unterschiedlich wider. "Ullrich geht in die Doping-Falle", titelte die italienische Zeitung "Corriere della Sera". In "La Stampa" hieß es: "In Deutschland schlug die Nachricht wie eine Bombe ein". Moderater gingen die französischen Medien mit dem Tour-de-France-Helden um. "Im Verlauf der letzten Monate ist die Akte Ullrich ganz schön schwer geworden - angefüllt mit Zwischenfällen, die nichts mit dem Radsport zu tun haben", bemerkte die Sportzeitung "L'Equipe". Moralische Unterstützung erhielt Ullrich aus seinem Wohnort Merdingen. Eine Umfrage unter den Einwohnern ergab, dass niemand den Rad-Star für einen Doping-Betrüger hält.

Telekom-Routinier Udo Bölts (Heltersberg) war hingegen doppelt geschockt. Zum einen wurde dem 36-Jährigen mitgeteilt, dass er nun doch keinen neuen Vertrag für 2003 erhalte. Zum anderen erfuhr er vom positiven Doping-Befund seines langjährigen Kapitäns, den er 1997 mit zum Toursieg geführt hatte. "Ich bin wie vor den Kopf gestoßen. Das ist eine Katastrophe für Jan und das Team."

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%