Nach Protesten Österreichs
Start des Atommeilers von Temelin wird möglicherweise verschoben

Mehrfach hatte Österreich gegen die Inbetriebnahme protestiert. Jetzt denkt die Tschechische Regierung über ein Referendum nach

afp/HB. Die tschechische Regierung verschiebt möglicherweise die Inbetriebnahme des Reaktors Temelin, um eine Volksbefragung zu dem umstrittenen Meiler zu ermöglichen. Dies deutete Umweltminister Milos Kuzvart am Freitag nach Angaben der Nachrichtenagentur CTK an. Kuzvart zeigte sich demnach auch "überrascht" über die schnelle Genehmigung der tschechischen Atomsicherheitsbehörde für die Bestückung des ersten Reaktors mit Brennelementen. Der Start des südböhmischen Atommeilers könne Thema der Kabinettssitzung am kommenden Mittwoch sein, sagte auch Vize-Ministerpräsident Pavel Rychetsky. "Einige Mitglieder der Regierung" stünden einer Volksbefragung wohlwollend gegenüber, sagte er.

Rund 107.000 Tschechen unterzeichneten seit April eine Petition, in der ein Referendum zur Inbetriebnahme von Temelin gefordert wird. Erst am Mittwoch hatte der österreichische Bundeskanzler Wolfgang Schüssel den tschechischen Ministerpräsidenten Milos Zeman aufgefordert, den Start zu verhindern. Wien protestierte bereits mehrfach gegen eine Inbetriebnahme des Meilers, der rund 60 Kilometer von der österreichischen Grenze entfernt gebaut wurde. Dabei hatte die Östereichs Regierung ihre Zustrimmung zum EU-Beitritt des Landes unter anderen von einer Überwachung oder gar Stilllegung des Kernkraftwerks Temelin abhängig gemacht.

Planung noch zu Sowjet-Zeiten

Der Bau des Kraftwerks Temelin hatte schon in den 80er Jahren mit sowjetischer Technologie begonnen. Die konservative Regierung unter Vaclav Klaus hatte dann aber nach 1990 die Adaption des Kraftwerks an westliche Standards beschlossen. Aufträge gingen u.a. an den US-Konzern Westinghouse sowie den tschechischen Kraftwerksbauer Skoda Praga AS. Doch die Modernisierung erwies sich schwieriger als erwartet - Kosten und Umweltnormen liefen davon.

Tschechiens Präsident Vaclav Havel hatte sich im Mai vergangenen Jahres gegen eine Fertigstellung Atomkraftwerkes ausgesprochen. Wenige Stunden vor der Entscheidung der Regierung über die Zukunft des Projekts hatte er das Vorhaben als gigantomanisch kritisiert und von einem "Turmbau zu Babel" der tschechischen Wirtschaft gesprochen.

Der Prager Kabinettsbeschluß vom Mai 1999 galt als lebenswichtig für Tschechiens staatlich kontrollierten Stromkonzern CEZ AS, dessen Tochter JETE das Kraftwerk betreibt. CEZ ist ein Schwergewicht der Prager Börse und wird auch im deutschen Freihandel notiert (zur Kursabfrage siehe oben rechts). Die Regierung in Prag verhandelt seit Monaten über ein Konzept zur Privatisierung des Konzerns, dessen Marktwert auf circa 2,02 Milliarden Euro veranschlagt wird. CEZ hatte am 4. Juli den französischen Multikonzern Vivendi SA als Partner für seine Telekom-Tochter CEZTel bekannt gegeben. Vivendi könne bis zu 66 % an CEZTel erwerben Auch am CEZ-Bereich Energie wird Vivendi großes Interesse nachgesagt.

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