Nach Schock von Cardiff
Völler wehrt sich gegen Ribbeck-Vergleich

Der Schock von Cardiff hat auch dem Letzten die Augen geöffnet, aber erste Vergleiche mit der desaströsen EM 2000 und seinem gescheiterten Vorgänger Ribbeck gehen Rudi Völler entschieden zu weit.

dpa SIEGBURG. "Ich werde mir nicht wie meine Vorgänger alles gefallen lassen", sagte der Teamchef am Tag nach dem Tiefpunkt der WM-Vorbereitung beim 0:1 gegen den Weltranglisten-96. Wales ungewohnt kämpferisch.

"Wir werden nicht in Panik verfallen. Wichtig ist, was in drei Wochen bei der WM sein wird, nicht gegen Kuwait, nicht in Wales und auch nicht gegen Österreich", betonte der 42-Jährige nach einer kurzen Nacht, in der er seine fünfte Niederlage als Teamchef noch einmal aufarbeitete. Abgerechnet werde einzig und allein in Japan: "Wir lassen uns nicht von unserem Weg abbringen", erklärte Völler am Mittwoch im neuen Quartier in Siegburg, auch wenn er einräumte: "Das Spiel ist über Nacht nicht besser geworden."

"Es war ein Schuss vor den Bug zur rechten Zeit", bemühte sich Christian Ziege wie all seine Kollegen darum, einen positiven Dreh zu finden. "Manchmal kann das ja auch ein Aufwachen sein. Jetzt wissen wir natürlich, dass wir unsere Form erst finden müssen. Sonst haben wir in Japan keine Chance", fasste Oliver Bierhoff zusammen. Bis auf Torhüter Oliver Kahn sind alle deutschen WM-Fahrer noch meilenweit von einer Verfassung entfernt, die wenigstens das von Völler geforderte Minimalziel Achtelfinale garantieren könnte.

"Die Mannschaft hat nichts gezeigt, was uns an eine gute WM glauben lässt. So sind wir schnell wieder zu Hause, schon nach der Vorrunde", prophezeite ARD-Experte Günter Netzer angesichts des Besorgnis erregenden Zustandes des DFB-Teams schwierige Wochen. In der Mannschaft herrschte Verwunderung über die plötzliche Hysterie wegen einer Testspiel-Niederlage. "Wir haben den Anspruch, die Vorrunde überzeugend zu überstehen", unterstrich Marco Bode.

Auch wenn die Bedingungen in der Vorbereitung alles andere als optimal sind, warnte Netzer mit Hinweis auf ähnliche Begleitumstände vor der EM 2000: "Man kann beim Turnier den Schalter nicht einfach umlegen, das funktioniert nicht." Die Zeitung "Guardian" lieferte mit Hinweis auf den zweiten Vorrunden-Gegner passend dazu den Spott von der Insel: "Irland hat nächsten Monat wenig zu fürchten."

"Alle wussten, dass es nicht funktionieren würde in diesen Spielen. Und wenn es dann so kommt, wird schwarz gemalt", beschwerte sich Völler und kündigte an: "Ich werde mich wehren." Dabei schloss er ausdrücklich die Beziehung zu Spielern und zur Öffentlichkeit ein: "Das trifft auf alle zu." Er sei zwar nicht der Typ, "der Tobsuchtanfälle kriegt. Aber die Dinge werden direkt angesprochen".

Netzer hatte den Teamchef sogar ausdrücklich gewarnt: "Er muss aufpassen, dass er sich nicht so sehr vor die Mannschaft stellt. In Wales hat sie ihm die Gefolgschaft verweigert." Parallelen zu Ribbeck und dessen missglückter EM-Vorbereitung wies Völler entschieden zurück: "Da muss der Günter auch dazu lernen. Man darf nicht so ins Extreme fallen. Er muss sich bewusst sein, dass er damit brutal Meinung macht."

Trotz aller Ruhe-Beschwörungen spielt Völler innerlich schon schlimmere Szenarien durch: "Schwarzmalerei könnte ich verstehen, wenn sich drei Leverkusener im Chamions League-Finale verletzen würden. Das wäre dramatisch." Dennoch spielten auch im Millennium- Stadion sieben oder acht Spieler, die zum WM-Auftakt ebenfalls in der Startelf auftauchen könnten. Und die Hoffnungsträger aus Leverkusen, die erst am Freitag zum Kader stoßen, muss Völler zunächst auf Pflegestufe setzen. Der letzte WM-Test am Samstag in der Bay-Arena gegen Österreich ist so auch keine Generalprobe.

"Dieses Spiel interessiert mich überhaupt nicht mehr. Das alles ist nur eine Momentaufnahme, die überhaupt niemandem etwas bringt", hakte Kapitän Oliver Kahn die Niederlage. Doch die Partie gegen die Waliser, die zuletzt nur gegen Katar und Weißrussland gewinnen konnten, hat weitere Alarmsignale gesetzt: Ziege meldete nach seinem Comeback erneut Gesundheitsprobleme; Jörg Heinrich ist nur eine Verlegenheitslösung; die Vielseitigkeit von Torsten Frings hat ihre Grenzen; als Abwehr-Duo sind Thomas Linke und Christoph Metzelder ein Unsicherheitsfaktor; für Sebastian Deisler wird trotz Aufwärtstrend die Zeit zu knapp; mit den Rekonvaleszenten Christian Wörns und Marko Rehmer kann Völler nicht fest planen; Spieler wie Marco Bode sind auch noch nicht zu bewerten.

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