Nach Sensations-Sieg
Rehhagel: Diese Nachricht geht um die Welt

Otto Rehhagel hat seine Erfolgsgeschichte als griechischer Fußball-Nationaltrainer fortgesetzt. Nach dem Sensation-Sieg gegen Frankreich genießt er endgültig Heldenstatus.

HB LISSABON. Wie die kleinen Kinder hüpften die griechischen Ersatzspieler vor der Trainerbank auf und ab. Den Jubelschrei schon in der Kehle mussten sie aber noch ausharren. Drei Minuten Nachspielzeit waren im EM-Viertelfinalspiel gegen Frankreich angezeigt und Otto Rehhagel gebot seinen Profis ruhig zu bleiben. Als der Pfiff von Schiedsrichter Anders Frisk endlich ertönte, waren die Griechen erlöst. Das unglaubliche war geschafft: 1:0-Sieg über Frankreich, den Titelverteidiger aus dem Turnier geworfen, das Halbfinale der Euro 2004 erreicht.

«Diese Nachricht geht um die Welt», begann Rehhagel nach dem Spiel seine Ansprache. «In New York, Rio de Janeiro und Tokio werden die Menschen aufhorchen», wurde der ehemalige Meistertrainer des 1. FC Kaiserslautern und Werder Bremen pathetisch. Aber nur für diesen einen Moment. Dann lehnte sich der 65-Jährige zurück und schien wirklich zu begreifen, was er und seine Mannschaft soeben vollbracht hatten. Ein solides Stück Fußball-Arbeit mit traumhaftem Ende.

Frankreichs Fußball-Star Zinedine Zidane bestätigte den Griechen später: «Sie sind eine gute Mannschaft mit hervorragenden Spielern. Ihre große Stärke ist die Verteidigung.» Genau die zeigte am Freitagabend eine Topleistung. Auf gerade einmal drei echte Torchancen brachten es die Franzosen. Einen Aufsetzer von Thierry Henry (50.) fing Torwart Antonios Nikopolidis sicher ab, ein Kopfball des Arsenal-Profis ging drei Minuten vor Schluss nur wenige Zentimeter am rechten Torpfosten vorbei. Auch David Trezeguet hatte seine Möglichkeit in der 57. Minute, aber AEK-Verteidiger Mihalis Kapsis rettete auf der Torlinie.

In der ersten Halbzeit und den Minuten zwischen den Chancen bot die mit Weltklassespielern gespickte französische Mannschaft schmale Kost. Träge und ideenlos gingen sie zu Werke und realisierten zu spät, dass sie Griechenland unterschätzt hatten. «Ein Mannschaft ist immer nur so gut, wie der Gegner es zulässt », sagte Rehhagel.

Ganz auf Defensive eingestellt, hatte auch die griechische Auswahl nicht viel mehr Tormöglichkeiten, aber die beste wurde genutzt. Angelos Charisteas vom deutschen Meister Werder Bremen wurde in der 65. Minute von Theodoros Zagarakis bedient. Passgenau ging dessen Flanke auf Charisteas Stirn nieder und von da unhaltbar für Keeper Fabien Barthez ins Tor. «Ich bin extrem glücklich», freute sich der Bremer. «Wir sind das Überraschungsteam der EM», sagte er und kündigte im selben Atemzug an: «Wir können es noch besser.»

Otto Rehhagel war unterdessen bemüht, seine großen Worte etwas zu relativieren. Der Trainer musste bemerkt haben, dass sein Pathos und die Forderung nach Realismus sich ausschließen. «Wir müssen auf dem Boden der atsachen bleiben. Heute dürfen wir uns freuen, morgen müssen wir bescheiden weiterarbeiten», fordert er.

Schon mit der gelungenen Qualifikation für die Europameisterschaft in Portugal hatte sich Rehhagel in die Herzen der Griechen katapultiert. Der Einzug ins Viertelfinals am Sonntag war bis zum Spiel gegen Frankreich der vermeintliche Gipfel seiner Amtszeit. Genau besehen hätten die leidenschaftlichen Griechen ihrem Team eine Niederlage gegen die hochfavorisierten Franzosen sogar ohne weiteres verziehen. Am 1. Juli steht nun das Finale gegen den Sieger der Begegnung Tschechien gegen Dänemark an.

Bis dahin wird sich die Euphorie in Griechenland überschlagen. Seit dem EM-Titel der Basketballmannschaft im Jahr 1987 hat es keinen vergleichbaren sportlichen Erfolg mehr gegeben. Dieses Datum dürfte im kollektiven Gedächtnis der Griechen aber verblassen angesichts des neuen nationalen Fußball-Booms. Ein Volk, dass sich in den letzten zwanzig Jahren über die Anhängerschaft zu den großen Vereinen aus Athen und Piräus definierte, hat plötzlich wieder eine gemeinsame Konstante. «Wir haben den Leuten die Nationalmannschaft wieder nahe gebracht», wusste Angelos Charisteas.

Nach drei harten Jahren Arbeit, in denen Rehhagel seine Profis aus ganz Europa zusammensuchte und zusammenführte, soll für den gebürtigen Essener aber mehr herausspringen, als eine Halbfinalteilnahme. Er will in die Geschichtsbücher. Ein eigenes Kapitel ist ihm dann sicher, wenn seine Amtszeit der Auftakt zu einer erfolgreichen Zukunft ist. Dazu verweist er immer wieder auf die Wichtigkeit, Euphorie und neue Geldquellen zu nutzen und in die Ausbildung junger Talente zu investieren.

Zu den Jungen des aktuellen Teams gehört Angelos Charisteas. In seinem 24. Lebensjahr erlebte seine Karriere unvergleichliche Höhepunkte. Das hat ihn selbstbewusst gemacht. Auf die Frage, ob er und seine Kollegen nun Europameister werden könnten antwortete er: «Warum nicht?»

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%