Nach tagelangem Kursanstieg
Tauziehen schadet T-Aktie

Auf einen möglichen Telekom-Chef Gerd Tenzer haben die Aktienmärkte am Montag mit einem Ausverkauf der T-Aktie reagiert. Die T-Aktie stürzte bis zum Nachmittag um mehr als zehn Prozent auf 10,85 Euro.

HB FRANKFURT. Allerdings blieb unklar, ob Telekom-Chef Ron Sommer angesichts wachsenden Widerstandes im Unternehmen überhaupt an diesem Dienstag vom Aufsichtsrat durch den Technik-Vorstand Tenzer ersetzt wird. Die Opposition warf Bundeskanzler Gerhard Schröder vor, die Regierung gehe dilettantisch vor und schade den 2,8 Mill. Kleinaktionären von Europas größten Telekomkonzern. An der Sitzung der 20 Aufsichtsratsmitlieder werden Sommer, der seinen Posten nicht räumen will, und Tenzer teilnehmen. Der Bundesregierung als Großaktionär drohen angeblich hohe Schadensersatzklagen von US-Anlegern wegen ihres Vorgehens.

Die Telekom-Aktie stürzte bis zum Montagnachmittag um mehr als 10 % auf 10,85 ?. In den vergangenen Tagen hatten die Spekulationen über eine Ablösung Sommers noch zu deutlichen Kursgewinnen geführt. An den Finanzmärkten gilt eine mögliche Berufung des 59-jährigen Tenzer als Notlösung. Der Ausgang des Tauziehens um die Telekom-Spitze blieb am Montag ungewiss. Der Telekom-Vorstand beriet nach Informationen aus Unternehmenskreisen über die Lage. An der Sitzung nahmen Sommer und Tenzer teil. Mehrere Vorstände machen einem Zeitungsbericht zufolge Front gegen die Ablösung des Telekom-Chefs durch Tenzer. Sie wollen vorschlagen, dass Sommer zunächst auf dem Chefposten bleibt und später in den Aufsichtsrat wechselt, berichtet die "Financial Times Deutschland" (FTD).

Widerstand gegen den Wechsel von Sommer zu Tenzer gebe es auf Anteilseigner- und Arbeitgeberseite, berichtete die FTD weiter. Aus der Umgebung des Aufsichtsrats verlautete sogar, einige Aufsichtsräte würden eher zurücktreten, als sich gegen Sommer zu stellen. Sommer kann am Dienstag im ersten Wahlgang nur mit einer Zwei-Drittel- Mehrheit von 14 der 20 Mitglieder des Aufsichtsrats abgewählt werden.

Zuvor hatte es aus Unternehmenskreisen bereits geheißen, der Aufsichtsrat sei sich einig, Sommer durch Tenzer zu ersetzen. Sommer selbst will um seinen Posten kämpfen und vor dem Aufsichtsrat seine Strategie verteidigen. Die Politiker von CSU und FDP haben das Krisenmanagement der Bundesregierung im Zusammenhang der Ablösung von Sommer scharf kritisiert. "Wenn man einen Vorstandsvorsitzenden ablösen will, dann darf man nicht so ein Desaster anrichten, wie es sich jetzt abgezeichnet hat", sagte der stellvertretende CSU-Vorsitzende Horst Seehofer. Die Bundesregierung habe "dilettantisch und stümperhaft" versucht, Einfluss auf die Telekom zu nehmen, sagte CDU-Chefin Angela Merkel in Bonn.

Unterdessen könnte der Bundesregierung einem Bericht der "Bild"- Zeitung zufolge im Zusammenhang des Hickhacks um Sommer ein Rechtsstreit mit US-Aktionären der Telekom ins Haus stehen. Amerikanische Anteilseigner prüften, ob der Bund als Großaktionär "unbotmäßigen" Einfluss auf Aufsichtsratsmitglieder ausgeübt habe, schrieb die Zeitung ohne nähere Angaben. Mögliche Folge wären hohe Schadenersatzforderungen an die Bundesregierung, hieß es weiter. Ein Sprecher des Bundesfinanzministeriums sagte, ihm sei eine Klage nicht bekannt.

Der Vorstandschef der US-Mobilfunktochter VoiceStream kritisierte ebenfalls die Einmischung der Politik: "Was die Regierung gerade macht, ist die Politisierung der Deutschen Telekom. Die Investoren in den USA verlieren das Vertrauen in den Konzern", sagte Stanton der "Financial Times Deutschland". Ein Regierungssprecher wies erneut Spekulationen zurück, wonach Bundeskanzler Gerhard Schröder an der Debatte um eine Ablösung von Telekom-Chef Sommer beteiligt sein soll. "Die Darstellung der Süddeutschen Zeitung, wonach sich Bundeskanzler Schröder am Wochenende in die Personaldebatte um die Nachfolge für Telekom-Chef Ron Sommer eingeschaltet hat, ist absolut unzutreffend und frei erfunden", sagte Regierungssprecher Uwe Karsten Heye in Berlin.

Aufstieg und Fall

Im vergangenen September durchschlug die einstige "Volksaktie" auf dem Weg nach unten den Ausgabepreis von 14,57 ?. Ende Juni wurde mit 8,14 ? ein historisches Tief erreicht.

Der Fall ins Bodenlose beschwor vor allem den Zorn der fast 3 Mill. privaten Anteilseigner: In ihrem von Werbung und Analysten genährten Glauben an die Kraft der T-Aktie stockten viele noch zu vermeintlichen "Kaufkursen" von 50 oder 60 ? mitten im Niedergang ihre Bestände auf. Im Streubesitz sind knapp 57 % der fast 4,2 Mrd. Telekom-Papiere. Der Bund ist Großaktionär mit knapp 31 %, gut 12 % hält die bundeseigene Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW).

Der von einer gewaltigen Werbekampagne begleitete Börsengang der Telekom im November 1996 hatte die Geldanlage-Kultur in Deutschland revolutioniert. Mehr als 1,5 Mill. Bürger machten den ersten Aktienkauf ihres Lebens, das Spiel auf dem Aktienmarkt begann, zum Volkssport zu werden. Im Juni 1999 platzierte die Telekom ein weiteres Paket mit mehr als 280 Mill. Aktien. Obwohl die T-Aktie mit 77,26 D-Mark oder 39,5 ? erheblich teuerer geworden ist, griffen erneut Mill. Kleinanleger im Vertrauen auf die stürmische Entwicklung der Kommunikationsbranche zu. In einem dritten Börsengang (Ausgabepreis 66,5 ?) im Juni 2000 trennte sich erstmals der Bund von Telekom - Anteilen.

Doch da war das Telekom-Papier bereits auf dem Abstieg. Die Telekom - und Technologie-Branche geriet weltweit in Schwierigkeiten. Die Blase spekulativ hochgeschaukelter Kurse war geplatzt. Bei der Deutschen Telekom drückten zusätzlich Milliarden-Zukäufe wie der US- Mobilfunker VoiceStream und ein Schuldenberg von mehr als 60 Mrd. ? die Kurse.

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