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Nach Taliban-Sturz droht Afghanistan ein Machtvakuum

Eine neue Regierung für Afghanistan zu finden, könnte zu einer ähnlich schwierigen Aufgabe werden wie die derzeitige radikal-islamische Taliban-Führung zu stürzen.

rtr ISLAMABAD. Sollte es den USA gelingen, die Taliban aus Kabul zu vertreiben, droht dem seit knapp drei Jahrzehnten von Kriegen gezeichneten Land ein erhebliches Machtvakuum. Denn ein Nachfolger ist nicht in Sicht. Der Exilregierung und ihrer Nordallianz werden geringe Chancen zugerechnet, weil sie nicht der ethnischen Mehrheit des Vielvölkerstaates angehören. Als Integrationsfigur oft genannt wird der frühere König Sahir Schah, der aber bereits 86 Jahre alt ist. Afghanistan-Experten zufolge haben die ehemaligen Mitglieder des Widerstands gegen die sowjetische Besatzung gegenwärtig die besten Karten.

Der 1973 abgesetzte und in Rom im Exil lebende Sahir Schah will nach Angaben seiner Anhänger nicht erneut die Staatsführung übernehmen. Der türkischen Zeitung "Sabah" sagte er aber am Montag, dass er zu einer Rückkehr nach Afghanistan bereit sei, wenn er benötigt werde. Er gilt als einzige Autorität, den alle Volksgruppen Afghanistans als Präsident einer Volksversammlung akzeptieren könnten, die die neue Regierung wählen würde. "Der König hat sich nicht persönlich für irgendeine Tätigkeit ins Spiel gebracht. Er möchte lediglich dem afghanischen Volk dabei helfen, seine Souveränität wiederzuerlangen", sagte Hamid Karsai, der von 1992 bis 1994 afghanischer Außenminister war.

Die Loja Dschirga, eine Versammlung aus 700 bis 1000 Volksgruppen-Gesandten, soll nach dem Willen der afghanischen Opposition unmittelbar nach dem Sturz der Taliban zusammentreten und eine neue Regierung wählen. Der prominenteste Kopf der Opposition des Landes ist der 60-jährige Burhanuddin Rabbani, den die Taliban 1996 als Präsident Afghanistans entmachtet hatten. Aus seiner Regierungskoalition ging die Nordallianz hervor, die im Norden Afghanistans noch rund fünf Prozent des Staatsgebietes kontrolliert und sich mit den Taliban heftige Kämpfe liefert.

Doch die Nordallianz ist durch den Mord an ihrem Oberkommandeurs Ahmad Schah Masud Anfang September empfindlich geschwächt worden. Zusätzlich erschwert würde eine Machtübernahme der Nordallianz Experten zufolge dadurch, dass sie überwiegend aus Tadschiken, Usbeken und anderen Minderheiten in Afghanistan besteht. Als aussichtsreichste Nachfolgekandidaten gelten daher Angehörige der in Afghanistan traditionell dominierenden Paschtunen. Die am häufigsten genannten Namen sind die ehemaliger Kämpfer gegen die sowjetischen Besatzer Afghanistans. "Sie waren in den vergangenen Jahren in einem Quasi-Ruhestand, aber sie werden wieder eine sehr wichtige Rolle spielen", sagte Ahmed Raschid, ein pakistanischer Afghanistan- und Talibanexperte. Die Taliban gehören ebenfalls mehrheitlich den Paschtunen an.

Großen Respekt bei den Paschtunen und die Unterstützung der USA genießt Raschid zufolge Abdul Hak, der während der Besatzungszeit in den 80er Jahren spektakuläre Raketenangriffe auf Kabul organisiert hatte. Auch der frühere Außenminister Karsai könnte nach Diplomatenangaben Interesse an der Staatsführung haben. Doch als lachender Dritter stehe auch Gulbuddin Hekmatjar bereit, wie die beiden anderen ein Paschtune, sagte Raschid. Hekmatjar war als Widerstandskämpfer stark umstritten, da er nicht nur gegen die Besatzer Krieg führte, sondern auch gegen die anderen Rebellengruppen, die sich seinem Führungsanspruch widersetzten. 1993 legten seine Truppen das befreite Kabul in Schutt und Asche. "Hekmatjar war damals schon ein großer Störenfried, und er könnte auch jetzt wieder zum großen Störenfried werden", sagte Raschid.

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