Nach verschleppter Krise versucht Tokio, den Banken auf die Beine zu helfen: In Deutschland herrschen keine japanischen Verhältnisse

Nach verschleppter Krise versucht Tokio, den Banken auf die Beine zu helfen
In Deutschland herrschen keine japanischen Verhältnisse

Auf mehr als 630 Mrd. Euro summieren sich die Verluste, die Japans Banken seit 1990 durch die Abschreibung fauler Kredite verkraften mussten. Die Verluste in diesem Geschäftsjahr sind dabei nicht eingerechnet. Seit Jahren lähmt diese Last die Banken und Unternehmen.

TOKIO. Die Schieflage ist eine direkte Folge der Spekulationsblase in den achtziger Jahre. Anders als in Deutschland in den Neunzigern schossen in Japan zeitgleich mit den Aktienkursen die Immobilienpreise in die Höhe. Mit diesen Immobilien sicherten die Banken die zunehmenden Kredite. Von 1980 bis zum Höhepunkt der Spekulationsphase Ende 1989 verdoppelte sich die ohnehin für die Unternehmensfinanzierung wichtige Kreditvergabe in Japan, und darunter litt die Qualität.

Im Dezember 1989 platzte die Spekulationsblase. Der Nikkei fiel von 38 900 Yen binnen eines Jahres auf knapp 24 000 Yen. Heute steht er bei gut 8500 Yen. Regierung und Banken unterschätzten die Probleme in der ersten Hälfte der neunziger Jahre völlig. Die Banken verliehen, zum Teil auf Druck des Staates, munter weiter Geld an die Firmen, mit denen traditionell auch gegenseitige Kapitalverflechtungen bestanden. Bis 1996 stieg die Kreditsumme. Von mehr Insolvenzen und Stellenstreichungen war nichts zu spüren. Die Regierung pumpte umgerechnet mehr als 1 Billion Euro in Konjunkturpakete, die auf ineffiziente Branchen wie die aufgeblähte Bauwirtschaft ausgerichtet waren. "Als Resultat sind Restrukturierungsanstrengungen heute schwieriger durchzusetzen, weil den Marktkräften nicht erlaubt wurde, die schwachen von den gesunden Firmen zu trennen", heißt es in einer Studie.

Das Problem wuchs, bis niemand mehr die Augen davor verschließen konnte. Mitte 1996 wurden sieben völlig überschuldete private Immobilienfinanzierer, deren Eigentümer Geschäftsbanken waren, per neuem Gesetz aufgelöst, ihre Aktiva in eine stattliche Auffanggesellschaft übertragen. 1998 und 1999 griff der Staat den Banken mit Kapitalspritzen im dreistelligen Milliarden-Euro-Bereich unter die Arme.

Zwei Banken, die Long Term Credit Bank und die Nippon Credit Bank, wurden verstaatlicht und später verkauft. Das zeigte die neuen Zeiten auf dem japanischen Finanzmarkt, der ab 1996 schrittweise dereguliert wurde. Japans Banken reagierten auf den Konkurrenzdruck aus dem Ausland mit Fusionen, aus denen die heutigen großen Bankengruppen entstanden. Die Last der faulen Kredite hat dies nicht gedrückt, einige Experten kritisieren, die Fusionen hätten die Institute eher vom Reinemachen abgelenkt.

Aus der Auffanggesellschaft der Immobilienfinanzierer entstand 1999 die Resolution and Collection Corporation (RCC). Sie sollte nach US-Vorbild Kredite aufkaufen und eintreiben. Keine leichte Aufgabe, geht es doch in Japan vor allem um Kredite noch bestehender Banken. Zudem ist die RCC in ihren Befugnissen, etwa der Preissetzung, eingeschränkt. Ein Teil der Kredite wird auch auf dem freien Markt verkauft. Dieses Jahr soll zusätzlich die Industrial Revitalization Corporation (IRC) Schuldnern helfen, auf die Beine zu kommen. Klar abgegrenzt von der RCC ist ihre Aufgabe nicht. Die Regierung will so ihren schärferen Bankenkurs abfedern.

Der im vergangenen Herbst angetretene Bankenminister Heizo Takenaka will bis März 2005 endgültig aufgeräumt haben. Ein Mittel ist die strengere Reservenberechnung für faule Kredite. Damit haben die Banken einen Anreiz, die Lasten möglichst schnell abzubauen. Die Institute mussten ihre Reserven drastisch anheben. Eine Welle von Kapitalerhöhungen bis Ende März soll das nötige Geld für dieses Fiskaljahr bringen. Doch die 1998 gegründete Finanzaufsichtsbehörde FSA warnte am Freitag schon einmal vor: Gegen Kapitalspritzen von Firmenkunden, die diese mit neuen Krediten der Banken bezahlten, werde sie vorgehen.

Dieses Jahr wird das zehnte in Folge sein, in dem Aktienverluste und faule Kredite die operativen Gewinne mehr als auffressen. Ende September hatten allein die Großbanken 40,1 Billionen Yen (316 Mrd. Euro) an faulen Krediten in ihren Büchern. Das kommende Geschäftsjahr wird zeigen, welche Institute wie die Kurve kriegen - und die Spreu vom Weizen trennen.

Nicole Bastian
Nicole Bastian
Handelsblatt / Ressortleiterin Ausland
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