Nach zweitem BSE-Fall
Regierung tritt BSE-Befürchtungen bei Wurst entgegen

Nach den vorliegenden Informationen könne man "die Wurst unbedenklich kaufen", so Agrar-Staatssekretär Martin Wille. Eine Rückholaktion für Wurstprodukte schloss Bundesgesundheitsministerin Fischer beim derzeitigen Stand aus. Experten: Im Zweifel Fleischwaren lieber liegen lassen

rtr/adx MÜNCHEN. Nach dem Bekanntwerden des zweiten deutschen BSE-Falls ist die Bundesregierung Befürchtungen entgegengetreten, beim Verzehr deutscher Wurst könnten Erreger der Rinderseuche aufgenommen werden. Agrar-Staatssekretär Martin Wille sagte am Dienstag, nach den vorliegenden Informationen könne man "die Wurst unbedenklich kaufen". Das Gesundheitsministerium habe ihm am Montag "klar und eindeutig" mitgeteilt, dass in deutschen Wurstwaren kein Hirn- oder Rückenmark von Rindern verwendet werde. In Bayern wurden noch im Laufe des Tages die Testergebnisse über zwei weitere BSE-Verdachtsfälle in der Oberpfalz erwartet. Die Landesregierung beriet darüber, ob die Herde, aus dem das an BSE-erkrankte Rind im Oberallgäu stammt, getötet werden soll.

Bundesgesundheitsministerin Andrea Fischer (Grüne) sagte am Dienstag in Berlin, es werde keine Rückholaktion geben, da nach dem derzeitigen Stand bei der Wurstproduktion in Deutschland kein Hirn und andere Risikomaterialen vom Rind verarbeitet worden seien. Bei Hirn- und Rückenmark besteht eine besondere Gefahr der Konzentration von BSE-Errregern. Zu der von der EU-Kommission ausgesprochenen Rückholempfehlung sagte Fischer, die Kommission habe "sich nicht die Mühe gemacht, eine Begründung zu liefern oder in anderer Form Sachkenntnis an den Tag zu legen".

Dänemark nimmt Rindfleisch-Produkte vom Markt

Die EU-Kommission hatte am Montag nach der Entdeckung eines zweiten BSE-Falls in Deutschland im Allgäu eine Rücknahme möglicherweise mit Risiko-Materialien belasteter Fleisch- und Wurstwaren angeregt. Dänemark habe nach der Entdeckung eines BSE-Falles alle Rindfleisch-Produkte vom Markt genommen, die Risiko-Material wie Hirn und Rückenmark enthielten, sagte Gesundheitskommissar David Byrne. Diese Fleischwaren würden das größte Risiko einer Ansteckung bergen. In EU-Kreisen hieß es, in Deutschland seien bis zum Oktober Hirn und Rückenmark bei der Herstellung von Lebensmitteln wie Leberwurst verwendet worden.

Fischer mahnte aber gleichzeitig zur Vorsicht beim Kauf von Fleisch- und Wurstprodukten. Wurst mit Rindfleisch-Bestandteilen würde sie selber nicht kaufen. "Wir können keine 100-prozentige Sicherheit von deutschem Rindfleisch garantieren", sagte Fischer.

Medienschelte der Lebensmittelindustrie

Nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Ernährung besteht das größte Risiko bei Würsten bei Leberwürsten und Spezialitäten wie Saumagen, da bei diesen Sorten auch Innereien verarbeitet würden. Innereien fänden sich auch in Bock- und anderen Brühwürsten. In so genannten Rohwürsten wie Salami fänden sich dagegen hauptsächlich Muskelfleisch vom Rind, das weniger BSE-Risiko berge.

Unterdessen wirft die Lebensmittelindustrie den Medien "Panikmache" im Zusammenhang mit BSE vor. Der Marketing-Leiter der Centralen Marketinggesellschaft der deutschen Agrarwirtschaft (CMA), Michael Vogt, sagte der "Süddeutschen Zeitung" (Dienstagausgabe), die CMA wolle ihren Beitrag dazu leisten, die Verbraucher aufzuklären, wie sie Rindfleisch weiter genießen könnten. So könne der Kunde auf die Herkunftsbezeichnung achten und sich bei seinem Metzger informieren.

Ergebnisse bei BSE-Verdachtsfällen erwartet

In Bayern wurden die endgültigen Ergebnisse zweier BSE-Verdachtsfälle in der Oberpfalz erwartet. Die Tübinger Bundesforschungsanstalt für Viruskrankheiten hatte bei zwei verdächtigen Proben aus Furth im Wald und Neumarkt Gegenproben vorgenommen. BSE steht im Verdacht, beim Menschen eine Variante tödliche der Creutzfeld-Jacob-Krankheit auszulösen. Das bayerische Kabinett beriet darüber, ob nicht alle Tiere aus der Herde des an BSE-erkrankten Rindes aus Sulzberg im Oberallgäu getötet werden sollten, sondern einige Tiere für BSE-Forschungszwecke unter Quarantäne zu stellen.

Die nordrhein-westfälische Gesundheitsministerin Bärbel Höhn (Grüne) riet Verbrauchern vom Rindfleischverzehr ab, lehnte aber ein generelles Verkaufsverbot ab. Dem Kölner "Express" sagte Höhn, Qualitäts- oder Bio-Fleisch biete mit einem BSE-Test die zurzeit größtmögliche Sicherheit, aber auch keine 100-prozentige Garantie. "Wer ganz sicher gehen will, sollte momentan kein Rindfleisch essen. "Bei der Futtermittelzusammensetzung brauchen wir endlich Offenheit und Transparenz", forderte Höhn. In den vergangenen Wochen war bekannt geworden, dass auch Futtermittel für Rinder entgegen den Vorschriften mit Tiermehl versetzt waren. Tiermehl steht im Verdacht, BSE zu übertragen.

Bauernpräsident fordert Unterstützung für Landwirte

Bauernpräsident Gerd Sonnleitner fordert eine größere "wissenschaftliche Unterstützung" der Landwirte. Die Ursachen der BSE-Infektionen müssten besser verstanden werden, mahnte Sonnleitner am Montagabend in den ARD -"Tagesthemen". Er verwies darauf, dass die in Deutschland infizierten Rinder von Landwirten stammten, "wie wir uns Bauern wünschen". Die Höfe seien mit ihren kleinen Tierbeständen und eigenem Grünland "das Gegenteil von Massentierhaltung".

Gesundheitsministerin Fischer wies einen Bericht des Magazins "Stern" zurück, mit Rindertalg und Chemikalien versetzte Butter sei aus Betrieben in Süditalien nach Deutschland gelangt. Dafür gebe es weder in der EU noch in den zuständigen deutschen Behörden Anhaltspunkte, sagte die Ministerin.

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