Nach zwölf Wochen Geiselhaft
Rebellen auf Jolo lassen Renate Wallert frei

Die Entführer hatten die 56-jährige Lehrerin in ihrem Dschungellager dem philippinischen Chefunterhändler Robert Aventajado übergeben. Der deutsche Außenminister Joschka Fischer äußerte sich erfreut.

Reuters JOLO. Als erste europäische Geisel haben die Rebellen auf der südphilippinischen Insel Jolo die Deutsche Renate Wallert nach zwölf Wochen freigelassen. Unter Tränen winkte die von den Strapazen gezeichnete Göttingerin den Journalisten zu, als sie in einen Hubschraubers stieg, der sie in die 150 Kilometer entfernte Stadt Zamboanga bringen sollte. .

Frau Wallert war gemeinsam mit ihrem Mann Werner und Sohn Marc sowie 18 weiteren Touristen und Hotelangestellten an Ostern auf einer malaysischen Ferieninsel von Mitgliedern der moslemischen Rebellen-Gruppe Abu Sayyaf entführt worden, die sie nach Jolo verschleppten. Vor Renate Wallert waren bereits zwei Malaysier freigekommen.

Renate Wallert trug ein grünes Hemd und einen Pyjama, als sie auf der tropischen Insel in den Hubschrauber stieg, der sie nach zwölf Wochen Geiselhaft von der Insel wegbringen sollte. Zuvor hatte sich die sichtlich erschöpfte Frau auf dem Rollfeld mehrfach auf Aventajado stützen müssen. Ärzte, die die Geiseln in dem Dschungellager besuchten, haben berichtet, die 56-Jährige leide an Bluthochdruck und Brustschmerzen und habe stark abgenommen. Die Gefangenschaft habe sie zudem psychisch sehr mitgenommen. Auch ihr Mann Werner ist gesundheitlich angeschlagen. Er war vor zehn Tagen zusammengebrochen. Die Geiseln waren in dem tropischen Dschungellager zunächst in einer engen Bambushütte untergebracht gewesen. Anfangs hatten die Gefangenen auch über karge Reisrationen geklagt, bevor der Regierung erlaubt wurde, Hilfsgüter in das Lager zu bringen.

"Wir freuen uns sehr, dass Frau Wallert frei ist", sagte Bundesaußenminister Fischer in Berlin. Zugleich erfülle ihn das Schicksal ihres Mannes und ihres Sohnes weiter mit Sorge. "Wir werden uns weiter mit aller Kraft für die Befreiung aller Geiseln einsetzen", sicherte Fischer zu. Er sei optimistisch, dass Aventajado bei der endgültigen Lösung des Geiseldramas erfolgreich sein werde. Zu den Umständen der Freilassung äußerte sich das Auswärtige Amt nicht. Der Asienbeauftrage der Bundesregierung, Cornelius Sommer, sagte dem NDR, Frau Wallert werde noch im Laufe des Tages in Manila erwartet. Dort solle eine Arzt sie untersuchen, bevor sie nach Deutschland zurückfliege. Lösegeld sei nicht gezahlt worden.

Bereits kurz nach Beginn der Geiselnahme am 23. April hatten die Unterhändler gehofft, dass die Deutsche wegen ihres angeschlagenen Gesundheitszustands bald freikommen werde. Doch erst nach wochenlangen zähen Verhandlungen konnten die philipinischen Unterhändler jetzt ihre Freilassung erreichen. In der vergangenen Woche hatte sich auch Bundesaußenminister Fischer persönlich in das Geiseldrama eingeschaltet. Er reiste gemeinsam mit seinen Kollegen aus Frankreich und Finnland, Hubert Vedrine und Erkki Tuomioja, zu Gesprächen mit der Regierung nach Manila. In der Gewalt der Geiselnehmer befinden sich unter anderen auch zwei Finnen und zwei Franzosen.

Bei dem Treffen in Manila drängten die Minister Präsident Joseph Estrada zu einer friedlichen Lösung des Geiseldramas. Zuvor hatte der Anführer der Entführer, Galib Andang alias Commander Robot, Chefunterhändler Aventajado telefonisch seine Bereitschaft zur baldigen Beilegung der Geiselkrise bekundet. Die Ankunft Aventajados auf Jolo am Montag war bis zur letzten Minute von der Regierung in Manila geheim gehalten worden. Journalisten beobachteten jedoch, wie Aventajado in einem gepanzerten Fahrzeug in Begleitung von Soldaten in die Hügel fuhr, wo sich das Rebellenlager befindet. Wenig später wurde berichtet, die Rebellen hätten Aventajado die deutsche Geisel übergeben.

Bereits am Samstag hatte sich Aventajado zuversichtlich über eine baldige Freilassung der Geiseln auf Jolo geäußert. Die Regierung hoffe, dass die Gefangenen in den kommenden zwei Wochen freikämen. Zuvor hatten die Entführer eine malaysische Geisel freigelassen, nachdem Ende Juni ein Landsmann freigekommen war. Aventajado und die Regierung Malaysias bekräftigten, dass kein Lösegeld gezahlt worden sei. Malaysia hat jedoch zugesagt, sich an Hilfsprojekten im Süden der Philippinen zu beteiligen.

Die Wallerts wurden am 23. April mit 18 weiteren Geiseln von der malaysischen Insel Sipadan nach Jolo verschleppt. Die Abu Sayyaf kämpft im Süden der überwiegend katholischen Philippinen für einen moslemischen Gottesstaat. Die Entführer verlangen nach Angaben aus philippinischen Regierungskreisen umgerechnet rund zwei Mill. DM für die Freilassung jeder Geisel. Die Regierung in Manila hat jedoch erklärt, sie zahle kein Lösegeld.

Auf Jolo befinden sich in der Hand der Abu Sayyaf noch weitere Geiseln, darunter ein französisches Fernsehteam, 13 christliche Prediger sowie der deutsche "Spiegel"-Journalist Andreas Lorenz. Der Berliner wurde vor zwei Wochen bei Recherchen zu dem Geiseldrama von einer weiteren Fraktion der Rebellen verschleppt.

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