Nachfolger Jürgen Sengera bleibt bei der WestLB eine Menge Arbeit
Friedel Neuber: Das Erbe des Patriarchen

Der Patriarch tritt ab: Am Freitag verlässt Friedel Neuber nach 20 Jahren den Chefsessel der WestLB. Als cleverer Netzwerker hat er über Jahre die Wirtschaft am Rhein dominiert. Aber das System hat sich überlebt. Nachfolger Jürgen Sengera muss verkrustete Strukturen aufbrechen.

DÜSSELDORF. Nordrhein-Westfalens Elite drängt sich an einem lauen Dezemberabend in der Düsseldorfer Tonhalle: Ministerpräsident Wolfgang Clement unterhält sich in kleiner Runde am Buffet, ein paar Meter weiter plauscht der grüne Bauminister Michael Vesper bei einem Glas Wein mit Journalisten. Die Top-Manager großer Ruhrgebietskonzerne wie Thyssen-Krupp, Metro oder Babcock spazieren durch Gänge und Foyer, und auch die Chefs der großen Sparkassen und Verbände sind da. Sie alle sind erschienen und mit ihnen rund 1 900 Gäste, weil WestLB-Chef Friedel Neuber zum traditionellen Weihnachtskonzert geladen hat.

Bis zum Schluss hat der Kettenraucher eisern an seiner Macht in der Bank festgehalten

Wenn der Chef der Westdeutschen Landesbank ruft, kommen alle. Egal, ob Politik oder Wirtschaft; Neuber hat die Mächtigen an Rhein und Ruhr nahezu komplett in das Netzwerk eingebunden, über das er Jahrzehnte lang die Geschicke des Landes mitbestimmte. Wenn er sich am Freitag in den Ruhestand verabschiedet, dann geht eine Ära zu Ende - für die WestLB, aber auch für Nordrhein-Westfalen.

Der Patriarch tritt ab. Nach 20 Jahren Amtszeit hat sich der 66-jährige Neuber am Dienstag auf Schloss Krickenbeck in den Ruhestand verabschiedet, diesmal im kleinen Kreis. Nur Vorstand, Verwaltungsrat und die Vertreter der Eigentümer waren an den Niederrhein geladen, in ebenjenes Gemäuer, in dem sich von Zeit zu Zeit auch die Mitglieder des Sparclubs IC 72 getroffen haben, eines der wichtigsten Bestandteile des Neuber-Netzwerks.

Zu dem gehören auch die drei Beiräte der Staatsbank. 186 Personen hat der Sozialdemokrat, den sie auch den "roten Baron" nennen, dort untergebracht. Alle sind sie irgendwie wichtig, WDR-Intendant Fritz Pleitgen gehört ebenso zu dem Kreis wie der ehemalige Metro-Chef Erwin Conradi und der Preussag-Vorstandsvorsitzende Michael Frenzel. Im Gegenzug holten die Wirtschaftsführer sich den Bankchef ins Boot: zum Beispiel in die Aufsichtsräte der Deutschen Bahn AG, von Thyssen-Krupp und RWE.

Doch das System Neuber bröckelt seit geraumer Zeit. Sein kleinstes und wichtigstes Netz hat sich bereits aufgelöst: die Skatrunde mit dem ehemaligen nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Johannes Rau und dem verstorbenen früheren Finanzminister Heinz Schleußer. Für die SPD-Regenten war der Skatbruder bei den strukturpolitischen Weichenstellungen an Rhein und Ruhr unverzichtbar. Zwischen Grand und Null Ouvert besprachen sie Meilensteine der nordrhein-westfälischen Industriegeschichte - etwa die Übernahme der Horten AG durch die Metro-Gruppe oder den Umbau des Gemischtwarenladens Preussag zum Touristikkonzern.

Bis zum Schluss hat Kettenraucher Neuber an seiner Macht festgehalten. Die ist ihm zwar nach eigener Aussage nie wichtig gewesen. Aber Weggefährten berichten, er habe sie zäh verteidigt, wenn sich ihm jemand in den Weg gestellt habe. Und als er kürzlich eine Vorstandssitzung des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes auslassen musste, durfte sein Nachfolger Jürgen Sengera nicht nach Berlin reisen. Der WestLB-Sessel blieb leer.

Sengera, 58, tritt ein schweres Erbe an: Vor Beginn des Violinkonzerts in der Düsseldorfer Tonhalle baute Neuber zwar seine 1,96 Meter im Orchesterrund auf und schilderte den Zuhörern mit sonorem Bass die rosige Zukunft der WestLB. Schließlich hat er aus einem Sanierungsfall die viertgrößte Bank Deutschlands geformt, ein Institut, das ins Investment-Banking vorstieß, sich auf internationalem Parkett bewegt und eine Vielzahl Industriebeteiligungen besitzt.

Doch Jürgen Sengera bleibt eine Menge Arbeit. So droht der Bank im Beihilfestreit mit der EU-Kommission wegen unerlaubter staatlicher Beihilfen eine milliardenschwere Rückzahlung an das Land NRW. Und Bankinstitute wie die Stadtsparkassen Köln und Düsseldorf wollen nicht länger für die Landesbank haften. Bereits verloren hat Neuber im Streit mit der EU. Gegen Wettbewerbskommissar Mario Monti konnte er sich nicht durchsetzen: Die öffentlichen Garantien für die Landesbanken werden 2005 fallen. Es ist eben nicht mehr wie früher, als ein paar Anrufe zwischen Staatskanzlei, Finanzministerium und WestLB reichten, um eigene Probleme zu lösen, Unternehmen zu retten und ganzen Branchen die notwendige Basis zu schaffen.

Die neue Zeit hat bereits begonnen: Seit Wochen tüftelt Sengera mit einem kleinen Stab Vertrauter an einer neuen Strategie für die größte deutsche Landesbank. Es wird dieser Tage viel darüber spekuliert, was anders werden soll. Immer wieder ist zu hören, gleich drei Vorstandsmitglieder müssten gehen. Aber Sengera lässt sich noch nicht in die Karten schauen, schließlich hat der "Alte" unliebsame Konzepte allzu oft vom Tisch gekehrt. Gegen das Denkmal der WestLB lehnt sich noch niemand auf.

Wenn Neuber sich verabschiedet, geht eine Ära zu Ende - für die West LB aber auch für das Land

Aber die Beziehungsarbeit à la Neuber passt nicht mehr in die heutige Zeit. Mit der nachrückenden SPD-Garde verbindet den WestLB-Chef nicht viel mehr als sein Parteibuch. Es fehlt die Nähe von gemeinsamen Jagdausflügen, Skatrunden und durchzechten Nächten, die seine Generation prägte.

Heute wäre wohl auch Neubers Aufstieg vom Industriekaufmann zum Bankchef nicht mehr möglich: Aufgewachsen als Sohn eines Eisenbahners in Duisburg-Rheinhausen, absolviert er eine Lehre bei Krupp, wird Juso-Vorsitzender und sitzt bereits als 27-Jähriger im Düsseldorfer Landtag. Ende der 60er-Jahre rückt er an die Spitze des Rheinischen Sparkassen- und Giroverbandes und krönt seine Karriere 1981, als er - bis dahin ohne Bankerfahrung - zum Chef der WestLB ernannt wird. Zunächst belächeln ihn viele, bald fürchten sie ihn.

Das Abtreten dürfte ihm schwer fallen. Seine Aufsichtsratsmandate, das hat er angekündigt, will er behalten. Aber viele Branchenexperten erwarten einen schnellen Rückzug von seinen Ämtern, wenn er erst die Macht bei der WestLB verloren hat. Eigentlich hatte Neuber den Chefposten bei der Krupp-Stiftung angestrebt. Aber er wird die Stelle als Nachfolger von Berthold Beitz wohl nicht bekommen.

Sein Ruf ist schließlich angekratzt. Beinahe hätte der skandalerprobte Großbankchef schon in diesem Frühjahr gehen müssen. Nur knapp entging er einer Klage wegen Beihilfe zur Steuerhinterziehung, die seinen vorzeitigen Ruhestand bedeutet hätte. Doch Neubers Kontakte funktionierten erneut. Bei der Bilanzpressekonferenz im Mai verkündete er einen Deal mit der Staatsanwaltschaft. Die hatte zu diesem Zeitpunkt zwar noch kein Einverständnis gegeben. Aber als Neuber Fakten schuf, fügte sich auch die Justiz.

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