Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt wird auch 2001 groß sein
Gute Aussichten für Fach- und Führungskräfte

Für Fach- und Führungskräfte, die einen neuen Job suchten, war 2000 ein gutes Jahr: Stellenangebote in Hülle und Fülle, steigende Gehälter - und so werde es auch im nächsten Jahr sein, sagen die Kenner des Arbeitsmarktes.

DÜSSELDORF. Wolfgang Lichius hatte im Jahr 2000 keinen Grund zur Klage. Auf dem Arbeitsmarkt für Fach- und Führungskräfte war die Nachfrage so groß wie seit langem nicht, und das in fast allen Branchen. "Eine gute Zeit für Personalberater", sagt Lichius, der zur Geschäftsleitung der Kienbaum Personalberatung in Gummersbach gehört: "Viele Unternehmen mussten erkennen, dass die üblichen Wege der Personalsuche nicht mehr ausreichen." Die Folge: Personalberater und Headhunter hatten alle Hände voll zu tun, um ihre Kunden mit Führungskräften zu versorgen.

Ein Plus von 24 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum errechnete die Zentralstelle für Arbeitsvermittlung (ZAV), Bonn, im ersten Halbjahr 2000 bei den Stellenangeboten für Akademiker. Als stärksten Trend hat Lichius die "enorme Nachfrage" aus der Informationstechnik (IT) und Telekommunikation ausgemacht: "Der Markt ist total überhitzt." Entwickler und Vertriebsmanager seien "die absoluten Renner" gewesen. "Da ist für das nächste Jahr noch kein Ende erkennbar", sagt Lichius. Selbst die erste Ernüchterung in der Startup-Szene habe die Nachfrage nach IT- und Telekommunikations-Spezialisten nicht bremsen können. Eine Folge seien "rasante Zuwachsraten bei den Gehältern".

RWI: Bis 2010 rund 750 000 neue IT-Jobs

Das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) in Essen prognostiziert, dass in Deutschland bis 2010 rund 750 000 zusätzliche Arbeitsplätze im Bereich der Informations- und Kommunikationstechniken entstehen werden. Der Deutsche Industrie- und Handelstag (DIHT) in Berlin ist optimistisch für die gesamte Wirtschaft: "Die Konjunktur in Deutschland zeigt in diesem Herbst Kraft, Breite und immer noch Dynamik", heißt es im jüngsten Gutachten. "Seit der Wiedervereinigung war der Anteil der Unternehmen, die zusätzliches Personal einstellen wollen, noch nie so hoch." Besonders zuversichtlich für das Jahr 2001 seien Industrieunternehmen. Die ZAV weist die Ingenieure mit 43 000 Stellenangeboten als die gefragteste Berufsgruppe aus. Es folgen Wirtschaftswissenschaftler mit rund 30 000 Offerten. Doch laut Lichius haben derzeit alle Akademiker Konjunktur: "Selbst Geisteswissenschaftler, die früher schon mal am Rande des Arbeitsmarktes standen, sind gesucht, beispielsweise bei Verlagen."

Viel zu tun gibt es für Personalberater auch in der Bankenbranche. "Vor allem sehr erfahrene Portfolio-Manager und Experten in der professionellen Abwicklung des Investmentfonds-Geschäfts werden gesucht", sagt Manfred Zottmann, Inhaber der Personalberatung MZ Consulting in Frankfurt. Allerdings seien Top-Leute "rar gesät".

Große Banken tendierten dahin, die Abwicklung von Geld-, Devisen-, Wertpapier- und Fondsgeschäft in Tochtergesellschaften auszugliedern. Die Führungspositionen, in denen früher mehrheitlich Bankkaufleute saßen, werden zunehmend von Akademikern eingenommen. Bereichsleiter mit Verantwortung für bis zu 3 000 Mitarbeiter könnten bis zu einer halben Million Mark im Jahr verdienen, sagt Zottmann. "Damit stecken sie jeden Sparkassenvorstand in die Tasche."

Boom im Investment-Banking ist ungebrochen

Daneben sei der Boom im Investment-Banking ungebrochen. Zwar hätten sich die Analysten mit ihren euphorischen Prognosen für die Aktienmärkte blamiert, doch der Nachfrage nach Investment-Bankern werde dies keinen Abbruch tun. "Kein Unternehmen kann auf Analysten verzichten." Wobei sich die Nachfrage nicht nur auf Wirtschaftswissenschaftler richtet: "Da sind Mathematiker und Physiker gefragt", sagt Zottmann. Alles hingegen, was in Richtung Filialgeschäft gehe, führe in eine "berufliche Sackgasse".

Bei den Versicherungen werde auch im kommenden Jahr die technische Aufrüstung "ein Riesenthema" sein, glaubt Zottmann. Die IT-Abteilungen arbeiteten fieberhaft daran, den Vertrieb im Internet voranzubringen. Parallel werde die traditionelle Distribution gestärkt. "Die Firmen suchen gute Regional- und Bereichsleiter, die große Vertriebseinheiten steuern können." Solche Positionen seien "hochinteressant und gut dotiert".

Genau wie die Versicherungen investiert auch der Handel verstärkt in die Technik, zum Beispiel in moderne Warenwirtschaftssysteme oder den Vertrieb über neue Medien. Eine weitere Herausforderung: Es werden mehr international erfahrene Manager gebraucht. "Der Einzelhandel macht sich auf ins Ausland", erklärt Michael Groß, der Geschäftsführer der in Starnberg ansässigen Beratungsgesellschaft Anthos Executive Consultants. Deutsche Handelskonzerne expandierten vor allem in EU-Länder sowie nach Osteuropa und versuchten nun, interkulturelle Kompetenz aufzubauen.

Erfahrene Kräfte aus anderen Branchen ließen sich nicht so leicht auf Handel umpolen: "Der Handel hat eine ganz besondere Kultur", warnt Groß. Die Planungsinstrumente seien weniger ausgeprägt, Entscheidungen würden rascher und eher nach dem Prinzip "Versuch und Irrtum" getroffen: "Eine Supermarktfiliale können Sie in vier Wochen eröffnen und auch wieder schließen. Bei einer Fertigungshalle für Autos ist das anders."

Gute Perspektiven für Textil-Spezialisten

Eine Belebung des Geschäfts beobachtet Groß auch in der Textil- und Bekleidungsindustrie. "Die ersten Unternehmen kommen nach Deutschland zurück." Groß erwartet in den kommenden Jahren "eine ganz klare Verknappung beim technischen Personal" - etwa bei Textilingenieuren.

Generell dürfen Ingenieure hoffen, dass die gute Lage auf dem Arbeitsmarkt in den nächsten Jahren bestehen bleibt. Laut Wolfgang von Hohenberg, dem Geschäftsführer der Personalberatung BA-Ingenieurconsult in Karlsruhe, werde der Aufschwung der Maschinenbaubranche anhalten. "Es sind eindeutig mehr Auftragseingänge festzustellen", sagt er. Er erwartet auch höhere Investitionen.

Die Personalbeschaffung gestalte sich dabei immer schwieriger: "Derzeit sind rund 70 Prozent aller Inserate ohne Erfolg." Was die Automobilindustrie betrifft, prophezeit Volker Büchner, der Geschäftsführer der Personalberatung Eckelt und Partner in Stuttgart, einen dauerhaften personellen Engpass. Schon heute seien Konstrukteure Mangelware.

Die gute Lage auf dem Arbeitsmarkt beschert den Ingenieuren saftige Gehaltssteigerungen. In der Elektrotechnik- und der DV-Branche hat der Verein Deutscher Ingenieure (VDI), Düsseldorf, für die vergangenen beiden Jahre Einkommenszuwächse von rund 14 Prozent festgestellt. Bauingenieure standen sich mit plus fünf Prozent klar schlechter. Überhaupt hat der Bau derzeit zu kämpfen.

Doch Holger Hillmer, der VDI-Referent für Berufs- und Standesfragen, glaubt angesichts sinkender Studentenzahlen an eine Entspannung - vorausgesetzt, der nächste Aufschwung kommt: "Auch da wird der Schweinezyklus noch zupacken."

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