Nachfrage der Minenkonzerne stützt das Edelmetall – Selbst skeptische Analysten sehen Preis „gut abgestützt“
Anleger entdecken Krisenmetall Gold neu

Der Goldpreis steigt wieder. Seit Wochen hält die Notierung Kurs in Richtung der Höchststände vom Juni. Neben kurzfristigen Faktoren treiben auch langfristige Trends wie die Auflösung von Terminkontrakten durch die Produzenten den Preis. Private und institutionelle Anleger setzen wieder auf die Anlageform Gold.

LONDON/DÜSSELDORF. Die anhaltenden Sorgen über einen möglichen Krieg im Irak und der überraschende Rücktritt des amerikanischen Finanzministers Paul O?Neill haben den Goldpreis deutlich steigen lassen. Gestern Nachmittag kostete die Feinunze in London knapp 323 $, nachdem sie zeitweise bis auf fast 330 $ geklettert war.

Paul Walker von der Researchgesellschaft Gold Fields Mineral Services (GFMS) in London schließt in den nächsten Monaten "weitere scharfe Preisausschläge" bei Gold nicht aus. Im Zusammenhang mit zunehmenden Spannungen um den Irak seien in der Spitze Preise von 335 bis 340 $ je Fein- unze ohne weiteres denkbar, meint der Experte. Doch könne Gold vorübergehend auch wieder bis auf 300 $ fallen.

Die Irak-Krise wird den Goldpreis nur kurzfristig beeinflussen, glaubt Markus Mezger, Volkswirt bei der Baden Bank-Württembergischen (BW-Bank). Längerfristige Folgen erwartet er durch den Rücktritt des US-Finanzministers Paul O?Neill. Denn noch sei völlig unklar, welche Position der neue Finanzminister John Snow beziehe. Dies betreffe seine Haltung zum Wechselkurs von Dollar, Euro und Yen, aber auch zum Goldpreis.

Entscheidend sei nun die Marke von 330 $ je Feinunze. Hier habe sich aus technischer Sicht in den vergangenen Monaten ein "wichtiger Widerstand herausgebildet", sagt Mezger. Sollte der Goldpreis über 330 $ steigen, "haben wir charttechnisch sehr viel Platz nach oben". Die Notierung könnte dann sogar über 400 $ klettern. Zurzeit befinde sich der Goldpreis in einer so genannten Dreiecksformation und könnte sich auch in den nächsten zwei bis drei Monaten noch innerhalb dieses Rahmens bewegen. Dann aber wird nach Einschätzung des BW-Experten eine Entscheidung nach oben oder unten fallen. "Fundamental" erwartet Mezger einen Ausbruch des Preises nach oben.

Paul Walker moniert indes, dass sich zu viele Marktteilnehmer zurzeit auf die kurzfristigen Einflussfaktoren des Marktes konzentrieren, etwa auf die "traditionelle Rolle" des Goldes als Krisenmetall. Unterschätzt werde der Preiseinfluss, der schon seit dem zweiten Quartal 2001 vom so genannten "Dehedging" der Goldproduzenten ausgehe. Damit ist die Auflösung von Terminkontrakten gemeint, mit denen einige Minenbetreiber bislang einen Großteil ihrer Produktion vorab verkauften, um sich gegen kurzfristige Preisschwankungen abzusichern.

Zum "Dehedging" müssen die Konzerne Gold am Markt kaufen. Dies habe im Jahr 2001 etwa 150 Tonnen zur Weltgoldnachfrage beigetragen. Dieses Jahr sind es voraussichtlich weitere 380 Tonnen. Durch die Transaktionen, die immerhin gut 10 % der Weltnachfrage ausmachen, konnte ein Einbruch der Nachfrage der Schmuckbranche, vor allem aus Indien, mehr als ausgeglichen werden. Walker zufolge wäre daher auch ohne den Irak-Faktor heute ein Goldpreis von 310 $ je Unze möglich gewesen.

Kritisch könnte die Situation am Goldmarkt werden, wenn der Dehedging-Prozess der Produzenten endet, während sich die Nachfrage der Schmuckbranche noch nicht erholt hat. Dann werde der Markt verstärkt auf die Nachfrage von Investoren angewiesen sein, die allerdings laut GFMS bei privaten Anlegern bereits deutlich zugenommen habe. Erstmals seit langem fragten auch institutionelle Anleger verstärkt Gold nach. Details dazu will GFMS Anfang 2003 nennen.

Auch Ingrid Sternby von Barclays Capital führt den Anstieg des Goldpreises seit 2001 "in der Hauptsache" auf das Dehedging der Produzenten zurück. Aus ihrer Sicht ist der größte Teil dieser Geschäfte bereits gelaufen. "Unter fundamentalen Gesichtspunkten sind wir daher nach wie vor nicht optimistisch für den Goldpreis", sagt Sternby. Gleichwohl bestehe wegen des Irak-Faktors und der Unsicherheit über den Dollar derzeit auch kein allzu großes Rückschlagsrisiko bei Gold. Sie verweist auf das gestiegene Volumen an Terminkontrakten an der New Yorker Comex, mit denen große Fonds auf einen steigenden Goldpreis setzen. Der Goldpreis sei zurzeit "gut abgestützt".

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