Nachfragerückgänge sind im nächsten Jahr unvermeidbar
Autoindustrie stehen schwere Zeiten bevor

Auf den ersten Blick scheint es der Automobilindustrie noch gut zu gehen. Daimler-Chrysler schneidet in den USA besser als erwartet ab, die meisten Autotitel konnten an den Wertpapierbörsen in dieser Woche zum Teil kräftig zulegen. Die Tiefststände von Mitte September sind vergessen, die Aktien stehen heute besser da als vor den Terrorattacken in den USA.

Doch bei genauerem Hinsehen ergibt sich ein anderes Bild. Die positiven Ansätze gelten nur für den Moment, die Aussichten für die kommenden Wochen und Monate sind alles andere als erfreulich. General Motors hat bereits angekündigt, dass im nächsten Jahr in den USA auf dem gesamten Automarkt mit einem Nachfragerückgang von etwa zehn Prozent zu rechnen ist. Auch in Westeuropa, dem zweitwichtigsten Automarkt der Welt, wird der Absatz nach jüngsten Schätzungen zwischen zwei und drei Prozent nachgeben. Und in Japan wird auch die gerade begonnene Tokio Motor Show nichts an den rezessiven Tendenzen auf dem japanischen Markt ändern können. In Asien sorgt nur China für eine gewisse Stabilisierung; allerdings ist der Markt dort viel zu klein, um für einen Ausgleich des weltweiten Nachfragerückgangs zu sorgen.

Der Grund für die Nachfrageschwäche ist nicht speziell in der Automobilbranche zu suchen. Die Ursachen für die erwarteten Rückgänge sind vielmehr durch gesamtwirtschaftliche, makroökonomische Veränderungen zu erklären. Wenn die Volkswirtschaften in den wichtigsten Industrieregionen nicht mehr die ursprünglich angesetzten Wachstumsraten erreichen, muss sich das zwangsläufig in der Automobilnachfrage widerspiegeln.

Nehmen die wirtschaftlichen Unsicherheiten zu, geht sofort das Vertrauen der Konsumenten zurück. Und davon wird der Automobilabsatz in den nächsten Monaten unmittelbar betroffen sein. Wer nicht unbedingt ein Fahrzeug braucht, der wird angesichts der verschlechterten wirtschaftlichen Rahmenbedingungen auf den Kauf eines neuen Autos verzichten. Der alte Wagen wird es problemlos auch noch sechs Monate länger machen, so gut und zuverlässig sind die Fahrzeuge inzwischen geworden.

Von der Zurückhaltung der Autokäufer werden vor allem die Großserienhersteller betroffen sein, die die klassischen "Brot-und-Butter"-Autos produzieren. In den USA gehört Chrysler dazu, in Europa sind es Unternehmen wie Fiat, Renault und Volkswagen. Premiumhersteller mit hochpreisigen Alternativen stehen deutlich besser da: Ihre Kunden sind bei konjunkturellen Krisen längst nicht so zurückhaltend wie die Käufer eines Chrysler - oder eines Fiat-Modells. Um BMW, Mercedes und Porsche muss sich deshalb im Moment niemand allzu große Sorgen machen. Diese Marken werden auch die jetzt anstehende konjunkturelle Delle gut überstehen.

Dem Rest der Branche stehen jedoch absehbar schwere Zeiten bevor - gerade auch in Europa. Fiat hat in der vergangenen Woche zum zweiten Mal innerhalb kurzer Zeit Produktionspausen angekündigt. In einigen Werken des italienischen Herstellers werden die Bänder jetzt zum Teil bis in den Dezember hinein stillstehen. In den USA haben die Zulieferer bereits mit Massenentlassungen auf den bevorstehenden Nachfrageeinbruch reagiert. Sie wissen nur zu gut, dass sie im nächsten Jahr deutlich weniger verkaufen werden. Und in Deutschland verlangt Volkswagen-Chef Ferdinand Piëch immer lauter, der Staat möge eine Verschrottungsprämie für Fahrzeuge ohne Katalysator einführen. Piëch ist wahrscheinlich überzeugt, dass er eine solche staatliche Hilfe schon bald brauchen wird, um die Produktion noch auslasten zu können.

Stefan Menzel ist beim Handelsblatt der Spezialist für die Automobilbranche.
Stefan Menzel
Handelsblatt / Korrespondent Automobilindustrie
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