Nachgefragt: Abdullah Gül: „Ich verstehe die ganze Aufregung nicht“

Nachgefragt: Abdullah Gül
„Ich verstehe die ganze Aufregung nicht“

Der türkische Außenminister Abdullah Gül weist Vorwürfe zurück, sein Land hege Gebietsansprüche im Irak. Gül hält sich allerdings die Option offen, je nach Kriegsverlauf weitere Soldaten in den Irak zu schicken.

Handelsblatt: Herr Gül, welche Absichten hat die Türkei im Nordirak?

Abdullah Gül: Dieses Thema ist nun wirklich übertrieben worden. Als ob wir den Irak angreifen oder besetzen wollten! Wir hegen keinerlei Gebietsansprüche. Das habe ich auch auf dem letzten EU-Gipfel betont. Ich verstehe die ganze Aufregung nicht. Unsere Absichten sind doch vollkommen klar.

Und zwar?

Wir wollen die territoriale Unversehrtheit des Iraks bewahren. Im ersten Golfkrieg sind innerhalb einer Nacht 500 000 Flüchtlinge in die Türkei geströmt. Niemand hat uns damals geholfen. Wie viele Flüchtlinge hat Deutschland aufgenommen? 10, 20 oder 25? Unter den Flüchtlingen, die in die Türkei kamen, waren viele PKK-Terroristen. Seit damals haben wir 30 000 Opfer zu beklagen. Diese Erfahrung wollen wir nicht nochmal erleben.

Was unternehmen Sie dagegen?

Dieses Mal sind wir vorbereitet. Wir wollen, dass die Flüchtlinge im Nordirak bleiben. Deswegen haben wir Zelte für 600 000 Menschen in einer 20 Kilometer tiefen Zone vorbereitet. Falls notwendig, schicken wir auch unsere Truppen für einen begrenzten Zeitraum hinein.

Aber es gibt im Nordirak doch bereits türkische Soldaten.

Nein, nein, das ist nur symbolisch. Man kann das noch nicht als Militärpräsenz bezeichnen. Wer außer uns könnte denn die Sicherheit der kurdischen Opposition gewährleisten? Schließlich arbeiten wir mit denen doch eng zusammen. Wir halten das für notwendig, und ich glaube, das ist auch unser Recht.

Der irakische Kurdenführer Barzani nennt die Zahl von 5 000 türkischen Soldaten.

Okay, fragen Sie Herrn Barzani doch mal, mit welchem Pass er durch die Welt reist. Solche Zahlen sind doch unfair. Schließlich haben wir die irakischen Kurden in den letzten zehn Jahren geschützt. Wir, die Türkei! Wir waren ihr Tor zur Welt. Außerdem sind das unsere Verwandten. Wir haben gemeinsame Werte, wir haben gemeinsame Traditionen. Deswegen schützen wir sie.

Wenn Sie zusätzliche Soldaten in den Nordirak schicken, werden die USA dann zustimmen?

Wir haben es mit einem Krieg zu tun. Und in einer solchen Situation arbeitet man natürlich mit seinen Verbündeten zusammen. Wir verstehen uns.

Heißt das, die USA stimmen türkischen Truppen zu?

Ja.

Befürchten Sie nicht, dass die Kurden Ihnen Widerstand entgegensetzen?

Unterschätzen Sie die Türkei nicht. Wir sind nicht irgendein Stamm, wir sind ein Staat. Und unsere Ziele sind vollkommen klar. Ich kenne die Gerüchte, dass wir diesen oder jenen Teil einverleiben wollen. Aber das ist, wie gesagt, alles übertrieben.

EU-Kommissar Verheugen hat der Türkei schwere Konsequenzen für den Fall einer Invasion angedroht.

Die EU hat keinen Grund, uns zu kritisieren. Entweder sie hat keine Ahnung von unseren Absichten, oder sie ist unfair. Ist die EU denn bereit, 100 000 Flüchtlinge aus dem Irak aufzunehmen? 1991 hatte die gesamte Union nicht einmal 150 aufgenommen.

Wie charakterisieren Sie die Beziehungen der Türkei zu den USA?

Wir sind Verbündete, wir arbeiten seit mehr als 50 Jahren zusammen. Auch jetzt, aber nur in begrenztem Umfang. Das Parlament hat gegen die von uns vorgeschlagene Stationierung von US-Truppen entschieden. Und die Türkei ist nun mal eine Demokratie. Das muss man respektieren. Wir sind schließlich weder Könige noch Emire.

Befürchten Sie keinen dauerhaften politischen Schaden?

Nun ja, es gibt Enttäuschungen auf beiden Seiten. Aber dennoch bleibt die Türkei für die USA das wichtigste Land in der Region.

Auch dann, wenn sich die USA in dieser Region auf Dauer einrichten?

Ja, denn wir sind keine Konkurrenten. Wir sind die einzige islamische Demokratie in dieser Region. Das macht unsere Bedeutung aus. Es mag von Zeit zu Zeit den Anschein haben, als nehme die Bedeutung der Türkei ab. Aber in Wirklichkeit wird die Türkei immer ein bedeutendes Land bleiben.

Gerd Höhler
Gerd Höhler
Handelsblatt / Korrespondent Südosteuropa
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