Nachgefragt: Albert Edwards
„Die Krise in den USA kann zehn Jahre dauern“

Das Handelsblatt im Gespräch mit Albert Edwards, Chef-Stratege der Dresdner Bank-Tochter Kleinwort Wasserstein.

Haben die Aktienmärkte die Trendwende geschafft?


Ich glaube nein. Wir haben voriges Jahr - Anfang, Mitte und Ende 2001 - vorübergehende Kursanstiege um 20 Prozent und mehr erlebt. Aber der Abwärtstrend ist geblieben. Das wird wohl diesmal nicht anders sein.

Welche Ähnlichkeiten sehen Sie zwischen USA und Japan vor mehr als zehn Jahren?


Alle ökonomischen Blasen haben Gemeinsamkeiten - in Japan in den späten 80er-Jahren, in Mexiko Anfang der 90er, später in Asien und zuletzt in den USA. Zu Beginn steht oft eine zu lockere Geldpolitik in einer Boomphase. Daraus kann eine Blase entstehen, wenn eine vorübergehende Wachstumsphase als dauerhaft angesehen wird. In den USA sprach man von der "New Economy" mit permanent hohen Wachstumsraten. Dieses Neuzeit-Gefühl bewegt die Leute, mehr Geld auszugeben und mehr Schulden zu machen. In Japan taten dies die Unternehmen, in den USA die Verbraucher. Wenn aber klar wird, dass die alten Regeln weiter gelten, müssen die Leute ihr Verhalten ändern. Es wird wieder mehr gespart. Spätfolgen eines exzessiven Booms belasten die Wirtschaft oft viele Jahre.

Was ist zu tun, um eine Dauerkrise à la Japan zu vermeiden?


Die Überkapazitäten der Unternehmen und die übermäßige Verschuldung der Verbraucher müssen abgebaut werden. Das geschieht meist über die Marktkräfte - ein Prozess, den der Ökonom Joseph Schumpeter "kreative Zerstörung" nennt. Aber zurzeit tut US-Notenbankchef Alan Greenspan alles, damit die US-Verbraucher weiter Geld ausgeben. Gleichzeitig hat der Staat seine Ausgaben massiv erhöht. Bald haben aber beide ihr Pulver verschossen. In Japan hat die Regierung lange verhindert, dass Überkapazitäten der Konzerne radikal gekürzt wurden. Folge: Jeder zarte Konjunkturaufschwung blieb bald stecken. Falls die USA wie Japan reagieren, kann es zehn Jahre dauern, bis die Spätfolgen der Blase überwunden sind. Die USA haben gegenüber Japan sogar einen Nachteil: Dort waren Entlassungen bis vor kurzem kaum möglich. Dadurch traf die Krise in erster Linie Unternehmen, nicht Verbraucher. Im westlichen System können Firmen im großen Stil Mitarbeiter feuern, wodurch letztlich die Verbrauchernachfrage stärker gefährdet ist. Die Gefahr, in eine Deflationsspirale zu rutschen, ist daher in den USA sehr real.

Wie reagieren Investoren, wenn sie USA und Japan vergleichen?


1999 wollte kaum jemand unsere Warnungen hören. Viele suchten Gesprächspartner, die ihren Optimismus bestätigten. Doch das Interesse ist stark gestiegen. Die Leute fragen, welche Branchen in Japan der Krise trotzten und welche Anlagestrategien sich bewährten - das waren Energieversorger und Nahrungsmittelhersteller und als Strategie das Übergewichten von Anleihen.

Wann wird der Börsencrash vorbei sein?


Erst dann, wenn niemand mehr Aktien haben will. Es warten zurzeit noch zu viele Investoren auf eine Kapitulation an den Märkten - weil sie dann wieder günstig einsteigen wollen. Zu viele Aktienfonds sind voll investiert und halten nur geringe Bargeldmengen. Außerdem sind die Aktien auch weiterhin überbewertet - nach unseren Modellen können sie noch um 30 oder sogar 40 Prozent fallen. Vor einer dauerhaften Trendwende muss zunächst die gesamte Boom-Psychologie verfliegen. Und das ist ein langer, schmerzhafter Prozess.

Das Interview führte Tobias Moerschen.

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