Nachgefragt
Die Familie hinter der Bertelsmann AG

Viel Klatsch und Tratsch: Thomas Schulers Buch über die Unternehmerdynastie Mohn.

Ein Buch zu Bertelsmann war überfällig. Denn zu Europas größtem Medienkonzern gab es bisher keine Monographie eines unabhängigen Autors. Über Jahrzehnte strickte Firmenpatriarch Reinhard Mohn am liebsten ohne fremdes Zutun an der eigenen Legende. Selbst Gattin Liz Mohn legte mit dem ernst gemeinten Titel "Liebe öffnet Herzen" ein eigenes Werk vor.

Diese Politik hatte in der Vergangenheit fatale Folgen. 1998 deckte der Soziologe Hersch Fischler auf, dass Bertelsmann alles andere als ein Ärgernis für die Nazis war. Im Gegenteil, das Gütersloher Verlagshaus hatte vom Verlegen nationalsozialistischer Bücher von "Martin Luthers kleinen Katechismus für den braunen Mann" bis hin zu "Sterilisation und Euthanasie" wirtschaftlich profitiert. Mittlerweile ist die Unternehmensgeschichte von einer Historikerkommission aufgearbeitet worden. Der umfangreiche Bericht ist auch Grundlage für Schulers einleitende Kapitel. Da wird vieles nacherzählt und um ein paar Details angereichert. Mehr ist angesichts der exzellenten Vorarbeit der Historiker auch nicht zu erwarten.

Mit Spannung wurden daher die Recherchen zu Reinhard Mohns Epoche erwartet. Die Nervosität in Gütersloh war vor der Veröffentlichung groß. Denn insbesondere die Karriere der Elisabeth Beckmann, der späteren Elisabeth Scholz und heutigen Liz Mohn, weckt Neugier und Häme. Schuler befriedigt beide Bedürfnisse. Wer allerdings neue Informationen zum Aufstieg der Firmenmatriarchin erwartet, wird enttäuscht. Spätestens seit dem im letzten Jahr erschienen Artikel zur "Machtergreifung" von Liz Mohn im Wall Street Journal ("Rise to Power of Heir?s Wife" vom 1. Dezember 2003) sind die verqueren Familienverhältnisse bei den Mohns ausführlich beschrieben.

Schuler treibt mit seinen Lesern Schindluder. Im Klappentext gaukelt er vor, er habe mit zahlreichen Familienmitgliedern gesprochen. Tatsächlich sprach er weder mit Liz noch Reinhard Mohn. Die meisten "Erkenntnisse" stammen aus Gesprächen mit dem Sohn Andreas und Mohn erster Frau Magdalene. Zudem liest sich das Buch über weite Strecken wie eine Zusammenfassung wichtiger Bertelsmann-Artikel aus großen Zeitungen.

Wer Klatsch und Tratsch schätzt, kommt allerdings auf seine Kosten. Schuler beschreibt haarklein das frühere außereheliche Liebesverhältnis von Reinhard Mohn zu Liz. Er gibt Auskunft, weshalb Sohn Christoph einen Audi A 8 fährt. Diese Trivialitäten aus Ost-Westfalen und die raffinierte Mischung aus Wahrheit und Dichtung verstellen den Blick auf das Wesentliche. Das Buch gibt keine Antworten auf zentrale Fragen: Wie wurde Bertelsmann Europas größter Medienriese? Was unterscheidet Reinhard Mohn von anderen Giganten wie Rupert Murdoch oder Ted Turner? Welche Zukunft hat der Konzern nach Reinhard Mohn?

Schuler hat nicht die Chance genützt, über den Gütersloher Tellerrand hinauszublicken. So wartet Bertelsmann weiter auf eine profunde und intelligente Analyse.

Thomas Schuler: Die Mohns, Campus-Verlag, Frankfurt 2004, 280 Seiten, 24,90 Euro

Hans-Peter Siebenhaar ist Handelsblatt-Korrespondent in Wien und ist Autor der Kolumne „Medienkommissar“.
Hans-Peter Siebenhaar
Handelsblatt / Korrespondent für Österreich und Südosteuropa
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