Nachgefragt: Elga Bartsch
„Künstlicher Einmaleffekt“

Welche Auswirkungen hat die Flutkatstrophe auf die Konjunktur? Volkswirtin Elga Bartsch von der US-Investmentbank Morgan Stanley steht Rede und Antwort.

Frau Bartsch, ändert sich durch die Flutkatastrophe die Konjunktur-Perspektive für das zweite Halbjahr?

In den überfluteten Regionen ist das wirtschaftliche Leben fast zum Stillstand gekommen. Daher besteht das Risiko, dass das deutsche Wirtschaftswachstum im dritten Quartal etwas schwächer ausfällt als bislang gedacht. Wir haben bislang im Quartalsvergleich einen Anstieg des Bruttoinlandsprodukts von 0,4 % erwartet - vielleicht ist das Plus ein oder zwei Zehntel geringer. Andererseits dürfte bereits im September der Wiederaufbau beginnen. Die Produktionsausfälle können dadurch durchaus noch in diesem Quartal nachgeholt werden.

Kommt die deutsche Bauindustrie durch den zu erwartenden Auftragsschub aus der Krise heraus?

Kurzfristig wird der Wiederaufbau die Branche sicherlich beleben. Aber das ändert nichts daran, dass die Bauindustrie in einer tiefen Strukturkrise steckt. Denn im Bauboom nach der Wiedervereinigung haben sich gewaltige Überkapazitäten aufgestaut. Der Wiederaufbau ist nur ein künstlicher Einmaleffekt, der die Not in der Bauwirtschaft nicht dauerhaft lindern kann.

Rechnen Sie damit, dass durch die Ernteausfälle in der Landwirtschaft die Inflationsrate steigt?

Das ist durchaus möglich. Denn das schlechte Wetter hat die Landwirtschaft in ganz Deutschland getroffen und wird zu erheblichen Ernteausfällen führen. Dass so etwas rasch auf die Inflation durchschlagen kann, haben wir zu Jahresbeginn gesehen: Nach einer Schlecht-wetter-Periode in Südeuropa stiegen die Obst- und Gemüsepreise deutlich. Wir rechnen damit, dass die Inflation in der Euro-Zone in den nächsten Monaten wieder über die Zielmarke der Europäischen Zentralbank von 2 % steigt - unter anderem auch wegen der Ernteausfälle.

Welche Folgen für die Konjunktur hat die Verschiebung der zweiten Stufe der Steuerreform auf 2004?

Wenn der Staat die Mehreinnahmen komplett in den Wiederaufbau investiert, kann das Wachstum dadurch kurzfristig sogar etwas höher ausfallen. Die privaten Haushalte hätten einen Teil der Steuerentlastung nicht in den Konsum gesteckt, sondern gespart. Außerdem hätten sie erst mit einer Zeitverzögerung auf die Steuersenkung reagiert. Langfristig ist das Verschieben der Steuerreform trotzdem ein Schritt in die falsche Richtung. Denn alle Erfahrung zeigt, dass das Wachstum auf Dauer höher ist, wenn sich der Staat aus der Wirtschaft zurückzieht.

-------------------------------------------------------------------------------- Das Gespräch führte Olaf Storbeck.

Quelle: Handelsblatt

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