Nachgefragt
"Europa ist konkurrenzfähig, wenn nicht den USA überlegen"

Hans Schöler ist Direktor am Max-Planck-Institut für Molekulare Biomedizin in Münster und ging vor wenigen Monaten durch die Presse, weil er nach 5 Jahren USA nach Deutschland zurückkehrte und somit dem Abwanderungsargument Lügen strafte.

Herr Prof. Schöler, können Sie für Laien Ihre Forschungsarbeit erklären?

Wir sind insbesondere daran interessiert, das Potential einer differenzierten Zelle zu erweitern und zu verstehen, welche molekularen Prozesse dabei ablaufen. Im Idealfall möchten wir Körperzellen von Säugern in pluripotente Zellen umwandeln. Anders ausgedrückt: wir versuchen aus Körperzellen zelluläre Alleskönner zu machen, die verschiedene Zelltypen hervorbringen können. Wir wissen ja bereits durch das Klonschaf Dolly, dass der Zellkern einer Körperzelle sogar einen ganzen Organismus bilden kann. Die Frage ist aber, ob und wie man eine ganze Zelle so programmieren kann, dass sie etwas anderes macht. Um das zu verstehen, untersuchen wir hauptsächlich Eizellen und embryonale Stammzellen der Maus. Embryonale Stammzellen sind nämlich die einzigen bislang bekannten pluripotenten Zellen, die alle Zelltypen bilden können, u.a. Nerven-, Muskel- und Leberzellen. Wenn wir verstehen weshalb sie pluripotent sind, können wir vielleicht eines Tages diese Eigenschaft auf eine differenzierte Zelle übertragen. Die Maus eignet sich hervorragend, um solche Untersuchung durchzuführen, weil man die Ergebnisse der Zellkultur im Organismus überprüfen kann. Denn es nützt nichts, wenn eine Zelle in der Kulturschale wie eine Nervenzelle aussieht, wenn sie nicht auch wie eine Nervenzelle in einem Körper funktioniert. Erst wenn dieser Nachweis gelingt, kann man an Therapien denken, vorher fehlt die Basis.

Spielen Sie Prophet. Wie wird der Forschungsstand in Deutschland in fünf Jahren sein, sind dann die Grundlagenfragen der Stammzellforschung gelöst?

Ich bin mir eigentlich sicher, dass die Grundlagenfragen der Stammzellforschung in fünf Jahren nicht gelöst sein werden, gleichgültig ob sie nur Deutschland betrachten oder andere Länder mit einbeziehen. Vor mehr als 40 Jahren wurde festgestellt, dass sich in dem transplantierten Material eine Blut bildende Stammzelle, hämatopoetische Stammzelle genannt, befindet und dass diese für den Erfolg der Transplantationen im Menschen verantwortlich ist. Vor mehr als 20 Jahren konnte Zelllinien embryonaler Stammzellen der Maus und vor etwa 5 Jahren solche des Menschen etabliert werden. Obwohl man also bislang viel Zeit für die Erforschung adulter und embryonaler Stammzellen hatte, weiß man eigentlich noch immer recht wenig. Allerdings müssen nicht notwendigerweise alle Grundfragen gelöst sein, um Therapien entwickeln zu können.

Die öffentliche Diskussion ist beherrscht von Sensationsmeldungen über Klonen und häufig auch Mangel an Fachwissen. Kann mehr Information Befürworter und Kritiker annähern und die gesellschaftliche Akzeptanz der Stammzellforschung erhöhen?

Da sprechen Sie eine Reihe von Dingen an. Zum einen bezieht sich ja die Kritik in erster Linie auf einen bestimmten Bereich der Stammzellforschung, nämlich auf den Bereich humaner embryonaler Stammzellen. An adulten Stammzellen oder embryonalen Stammzellen von Tieren wird nur von sehr wenigen Menschen Kritik geäußert, etwa von solchen, die eine grundsätzliche Abneigung gegenüber biotechnologischen Verfahren haben. Kritiker der Forschung an humanen embryonalen Stammzellen werden auch durch zusätzliche Informationen nicht ihre Haltung ändern, wenn der Einsatz von Embryonen im Konflikt mit ihrem Glauben steht. Für solche Kritiker ist selbst die deutsche Stichtagsregelung nicht akzeptabel, die ja den Import von solchen Zelllinien gestattet, die vor dem 1.1.2002 abgeleitet wurden. Diese Einstellung kann sich, wenn überhaupt, nur durch die persönliche Erfahrung mit dem Leid Kranker ändern. So wäre Nancy Reagan wohl nicht eine so starke Befürworterin der Forschung an humanen embryonalen Stammzellen geworden, wenn sie nicht hätte leidvoll miterleben müssen, wie sie Ronald Reagan langsam durch seine Krankheit verlor.

Sie sprechen auch von Sensationsmeldungen.

Die werden leider auch in Zukunft nicht zu vermeiden sein. Meines Erachtens ist es sehr wichtig, möglichst schnell die Spreu vom Weizen zu trennen, damit in der Öffentlichkeit Klarheit herrscht. Unseriöse Informationen und diejenigen, die sie zu verantworten haben, müssen als solche rasch entlarvt werden. Wenn dies nicht geschieht, werden selbst die positiven Entwicklungen mit Argwohn betrachtet werden.

Muss In Deutschland die Forschungsarbeit intensiviert werden?

Das ist eine Frage der Prioritäten. Meine Antwort ist ja, möchte man international erfolgreich sein. Einer der Pioniere der adulten Stammzellen Irving Weismann nimmt an, dass embryonale Stammzellen das Zeug zu einer zweiten Revolution in der Biotechnologie hätten. Ich persönlich bin davon überzeugt, dass embryonale, aber auch adulte Stammzellen ein großes Potential für Therapien besitzen. Ich bin aber auch davon überzeugt, dass man erst durch die gleichzeitige Erforschung beider das Potential voll ausschöpfen kann. Es gibt wohl kaum Forschungsbereiche, die solche Entwicklungsmöglichkeiten besitzen. Mehr Forschungsarbeit bedeutet aber auch mehr Investitionen in die Forschung. Dies wiederum kann als wichtige Investition in die Zukunft angesehen werden. Andere Länder zeigen uns, wie sie ihre Prioritäten setzen. In Singapur ist man davon überzeugt, dass ein biomedizinischer Fortschritt nur mit Grundlagenforschung zu schaffen ist. Dort hat man 286 Mill. $ in den Bau des "Biopolis Medical Research and Development Complex" als Maßnahme für die Zukunft des Landes investiert und u.a. ein riesiges Vivarium für 250 000 Mäuse gebaut.

Glauben Sie, dass das Embryonenschutzgesetz in den nächsten Jahren verändert, d.h. gelockert wird?

Das glaube ich nicht.

Sie sind aus den USA nach Deutschland zurückgekommen und somit das beste Gegenbeispiel für das Argument der drohenden Abwanderung deutscher Forscher. Sind sie die Ausnahme von der Regel?

Es sind in der Vergangenheit immer Wissenschaftler aus den USA zurückgekommen, ich bin nur eben mitten in einer "Brain drain" Diskussion heimgekehrt. Es wird wohl kaum möglich sein, dass in naher Zukunft die wissenschaftlichen Rahmenbedingungen in Deutschland mit denen der USA konkurrieren können. Sehr wohl ist aber Europa konkurrenzfähig, wenn nicht sogar langfristig den USA überlegen, wenn man hier nur an einem Strang zieht und nationale Interessen hintan stellt. Sehr wichtig ist es auch, dass das Forschungsklima in Deutschland positiv ist. Ich kenne kaum einen Wissenschaftler, der nicht seine Arbeit liebt, und seine Tätigkeit nicht eher als Berufung statt Beruf ansieht. Für viele ausländische Wissenschaftler, und selbst für manche amerikanischen Wissenschaftler, hat sich das Klima in den USA in den letzten drei Jahren derart geändert, dass die Freude an der Wissenschaft nachhaltig beeinträchtigt ist. Diese Chance sollte Deutschland und diese sollten auch die anderen europäischen Länder beim Schopfe packen.

Mit Schöler sprach Regina Krieger.

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