Nachgefragt: Hans-Werner Sinn: "Wirtschaftswunder"

Nachgefragt: Hans-Werner Sinn
"Wirtschaftswunder"

Der Präsident des Müchener Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung, Hans-Werner Sinn, rechnet mit wachsenden Problemen auf dem deutschen Arbeitsmarkt durch die EU-Osterweiterung. "Die deutschen Industriearbeiter sind für die neue Konkurrenzlage schlichtweg zu teuer", sagte Sinn in einem Interview mit dem Handelsblatt.

Handelsblatt: Herr Professor Sinn, wird die EU- Erweiterung den alten Mitgliedstaaten einen Wachstumsschub bringen?

Hans-Werner Sinn: Langfristig ist davon auszugehen, dass so genannte Handelsgewinne entstehen, die allen beteiligten Ländern Vorteile verschaffen. Gemeint sind Produktivitätsvorteile, die entstehen, wenn man sich auf das spezialisiert, was man besonders gut kann. Diese Gewinne kommen aber nur zu Stande, wenn sich die Faktorpreise, also insbesondere die Industriearbeiterlöhne, aneinander annähern. Konkret: Deutsche Löhne kommen durch die handelsbedingte Spezialisierung auf kapitalintensive Produktion, durch Kapitalabwanderung und durch Immigration massiv unter Druck, weil die Lohnkosten im Osten nur einen Bruchteil der unsrigen ausmachen. Widersetzt man sich diesem Druck, gibt es immer mehr Arbeitslose aber keine Handelsgewinne.

Was heißt das für Deutschland?

Leider sind die Löhne in Deutschland starr. Sowohl die tarifrechtlich abgesicherte Macht der Gewerkschaften als auch der Sozialstaat mit seinen Lohnersatzeinkommen verhindern die für Handelsgewinne notwendigen Lohnanpassungen.

Wird sich die Lage in Deutschland durch die Erweiterung sogar verschlechtern?

Ja, wenn die Gründe der Lohnstarrheit nicht beseitigt werden. Es droht eine weitere Zunahme der Arbeitslosigkeit über den Konjunkturzyklus hinweg und eine weitere Verringerung des Trendwachstums. Die deutschen Industriearbeiter sind für die neue Konkurrenzlage schlichtweg zu teuer. Der deutsche Arbeitsmarkt leidet schon des Längeren unter der Konkurrenz der Asiaten und seit Mitte der neunziger Jahre zusätzlich unter jener der Osteuropäer. Während mehr und mehr Vorproduktion nach Osten verlagert wird, herrscht hier zu Lande ein Investitionsattentismus, den wir nie zuvor hatten.

Was bringt die Erweiterung den Beitrittsländern?

Die kommen dank ihrer Niedriglöhne prächtig ins Geschäft, zumal die Begrenzung der Migration bis zum Jahr 2010 den Kapitalexport aus Deutschland heraus beschleunigen wird. Es wird ein Wirtschaftswunder geben - in der Art wie wir es in Spanien, Portugal, Griechenland, Irland, Finnland oder Österreich beobachten konnten. Und auch dann werden die Löhne dort auf absehbare Zeit nicht in die Nähe unseres Niveaus kommen. Selbst wenn das Doppelte der bisher in Westeuropa beobachteten Konvergenzgeschwindigkeit unterstellt wird - wenn man also annimmt, dass die Lohnlücke um 2 % pro Jahr schrumpft - werden die Stundenlohnkosten in Polen im Jahr 2020 erst bei 45 % des westdeutschen Niveaus liegen.

Ist die fehlende volle Freizügigkeit für Arbeitskräfte ein Nachteil?

Ja. Dennoch hat es keinen Sinn, nur an einer Schraube zu drehen und die Grenzen für Migranten zu öffnen. Wenn die Löhne starr blieben, würde das lediglich zu einer weiteren Zuwanderung in die Arbeitslosigkeit führen, wie wir sie dreißig Jahre lang in Deutschland beobachten konnten.

Die Fragen stellte Petra Schwarz.

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