Nachgefragt
Henning Voscherau: "Für den Kuhhandel sind wir zu klein"

Der ehemalige Erste Bürgermeister der Hansestadt Hamburg, Henning Voscherau, rechnet im weiteren Prozess der Bestimmung der Olympia-Bewerberstadt mit heftigen Störfeuern aus NRW.

Handelsblatt: Herr Voscherau, wie optimistisch sind Sie, dass Hamburg zur deutschen Olympia-Bewerberstadt gekürt wird?

Henning Voscherau: In einer Demokratie wird nicht gewogen, sondern gezählt. Ob in Bundestag, Bundesrat oder beim Nationalen Olympischen Komitee: Man weiß nie, wie es ausgeht. Nach vielen Jahren in der Politik bin ich für den Rest meines Lebens illusionslos geworden.

Das klingt eher skeptisch.

Nein. Aber über eine Million Hamburger denken nach dem ersten Platz im Bericht der Evaluierungskommission, dass wir gewinnen. Ich schütte lieber Wasser in den Wein, um die Vorfreude zu dämpfen.

Hört sich danach an, als ob Sie mehr wissen.

Nun, man hört diffus von der harten Hand eines Uli Feldhoff (Kanu-Verbandspräsident und NOK-Präsidiumsmitglied aus NRW, d. Red.). Und dann gibt es noch die giftigen Bemerkungen eines Politikers namens Peer Steinbrück (NRW-Ministerpräsident) und meines früheren Parteifreundes Erich Schumann (Geschäftsführer des WAZ-Konzerns), die den Hamburger Medien eine Anti-NRW-Haltung vorgeworfen haben. Dabei waren die diplomatischen Beziehungen der Hamburger Landespolitik zum "Spiegel" immer dürftig. Die Redaktion hat uns über Jahre oft geschadet, da kann sie die Bewerbung jetzt auch mal unterstützen.

Sie sorgen sich wegen des nordrhein-westfälischen Blocks und fühlen sich als Hamburger auch im NOK unterrepräsentiert?

Hamburger gewinnen eigentlich nie. Außer im Hockey, da siegen wir immer. Aber fürs Tauziehen und für den Kuhhandel auf Bundesebene sind wir einfach zu klein. Deswegen bin ich ja auch für den Nordstaat. Ansonsten sind wir halt immer nur 1,7 Millionen unter 82 Millionen Menschen.

Sie glauben nicht an Stimmen aus Nordrhein-Westfalen?

Wir haben Zusagen von Wahlberechtigten aus anderen Bundesländern, die - wenn ihre Stadt ausgeschieden ist - für uns stimmen wollen. Und zwar aus Hessen und Baden-Württemberg, nicht aber aus NRW. Das ist besonders schade und enttäuschend, weil wir Hamburger dem Ruhrgebiet über Jahrzehnte beigestanden haben. Wir haben sogar - gegen eigene Interessen - immer schützend die Hand über das Revier gehalten. Und zudem über alle Maßstäbe hinaus beim Länderfinanzausgleich eingezahlt.

Eigentlich geht es aber um Sport.

Es geht um den deutschen Föderalismus, der gilt auch für den Sport. Das Syndrom der Nichteinigkeit führt immer wieder dazu, dass wir Deutsche unter die Räder geraten. Aber wir werden international nur gewinnen können, wenn wir zusammenstehen. Das ist aber bei uns sehr selten der Fall.

Kann es passieren, dass der Favorit womöglich früh rausfliegt?

Wenn wir in der ersten Runde ausscheiden, wäre klar, dass nicht die Evaluierungskommission, sondern allein unsere Größenordnung den Ausschlag gegeben hat. Sollten wir als Vorletzter scheitern, wüsste ich, wer dafür verantwortlich ist.

Sie fürchten offenbar in erster Linie den Bewerber Düsseldorf. Was ist mit den anderen? Viele meinen, Leipzig würden die Spiele wirtschaftlich besonders gut tun.

Das ist ein dummes, nicht zu Ende gedachtes Argument. Beim IOC wird niemand Stimmen erhalten, weil er sich kommunalpolitische Vorteile verschaffen will. Dabei habe ich durchaus Sympathien für Leipzig.

Und der Gedanke, die deutsche Einheit und den olympischen Geist zu kombinieren?

Die deutsche Einheit interessiert außerhalb Deutschlands niemanden. Wer tatsächlich glaubt, dass es dafür Stimmen gibt, kennt die Welt nicht.

Warum sollte Hamburg international bessere Chancen haben?

Hamburg hat vielfältige Wirtschaftsbeziehungen in alle Welt. Und auch sonst gibt es bei uns eine Menge Leute, die Freunde auf internationaler Ebene für Olympia aktivieren können: Schmidt, Rühe, von Dohnanyi oder auch Voscherau.

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