Nachgefragt
"Krisenprämie"

Claude Mandil, Chef der internationalen Energie-Agentur in Paris über die Lage auf dem Ölmarkt.

Wie sehr treibt die Irak-Krise den Ölpreis noch hoch?

Der Ölpreis enthält eine saftige Krisenprämie. Er gibt nicht mehr die langfristigen Produktions- und Marktbedingungen wieder. Wenn der Preis so hoch bliebe, würde das der Weltwirtschaft schaden.

Werden die Saudis den Ölhahn stattdessen aufdrehen?

Saudi-Arabien will Förderausfälle im Irak eine Zeit lang kompensieren. Doch geht das nur bis zu einem bestimmten Punkt. Wir wünschen uns, dass der Markt das Problem löst. Er hat dabei ein Sicherheitsnetz: Die IEA kann die Freigabe der strategischen Ölreserven ihrer Mitglieder erlauben.

Wie lange reichen die?

Die Mitgliedsländer haben sich verpflichtet, so viel Öl einzulagern, wie sie in 90 Tagen importieren. Dazu kommen die kommerziellen Reserven. Sie sind jedoch in den USA und in Japan fast aufgebraucht, was den Markt nervös macht. Doch das Ölgeschäft ist global, und im Durchschnitt aller IEA-Mitgliedsländer sichern die kommerziellen Reserven die Versorgung für weitere 25 Tage. Strategische und kommerzielle Reserven zusammen entsprechen der vier- bis fünffachen Jahresproduktion des Iraks.

Bisher hat die IEA die strategischen Reserven nur einmal freigegeben - im ersten Golfkrieg 1991.

Das ist richtig. Aber die strategischen Reserven sollen ja auch nicht die Preise beeinflussen, sondern in Extremsituationen die Versorgung sichern. Selbst wenn wir die Reserven freigeben, können die Mitgliedsländer auch zu anderen Mitteln greifen. Sie könnten dem Verbraucher den Wechsel zu anderen Energieträgern nahe legen oder Verbrauchsbeschränkungen erlassen.

Fahrverbote sind also nicht auszuschließen?

Darüber befinden die einzelnen Regierungen. Aber es geht auch nicht nur um den Irak. Wir machen uns immer noch Sorgen, ob die Ölförderung in Venezuela wieder auf ihr früheres Niveau zurückfindet. In Nigeria drohen Streiks vor den Wahlen im Frühjahr - sie könnten dort die Ölproduktion lahm legen.

Haben die Verbraucherländer Lehren aus der Ölkrise vor 30 Jahren gezogen?

Kernkraft und erneuerbare Energien haben den Anteil des Öls an der Versorgung zurückgedrängt. Leider gilt das nicht für das Transportwesen.

Das Gespräch führten Andreas Bohne und Christoph Neßhöver.

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