NACHGEFRAGT: KURT DÖHMEL
„Niemand kann sich heraushalten“

Ein Gespräch mit Kurt Döhmel über den kommenden weltweiten Emissionshandel. Döhmel ist Chef der Shell Deutschland Holding GmbH.

Welche Vorteile hat der Emissionshandel gegenüber Ökosteuern?

Der Emissionshandel hat als privatwirtschaftliches Instrument eine große Hebelwirkung - im Gegensatz zu Ökosteuern, die das Verbraucherverhalten kaum beeinflussen.

Reichten nicht die Selbstverpflichtungen der deutschen Industrie?

Selbstverpflichtungen haben sich wegen der Effizienzverbesserungen bewährt. Jetzt aber kommt das schwierigere Ende, wo Entscheidungen auch wehtun können. Selbstverpflichtungen gewähren dabei nicht mehr, dass wir die Ziele erreichen, zumal es keine Sanktionen gibt. Hier greift der Emissionshandel. CO2-Rechte zu kaufen kann eine wirtschaftlich attraktivere Option darstellen, als im eigenen Unternehmen in Reduktionsmaßnahmen zu investieren.

Wo liegt denn genau der Vorteil?

Es entsteht ein freier Markt ohne steuernde Eingriffe. Die Erfahrungen in den USA beim Handel mit Stickoxiden und Schwefeldioxid zeigen, dass dieser Möglichkeiten bringt, mit denen man zusätzliche Erträge erwirtschaften kann.

Sollte man beim Emissionshandel von Anfang an mitmachen oder besser abwarten? Und wie bereitet man sich vor?

Da der Emissionshandel am 1. Januar 2005 beginnt, gibt es einen immensen Termindruck. Unternehmen können nun sowohl bei der Gestaltung des nationalen Allokationsplanes für CO2-Rechte mitarbeiten als auch den Emissionshandel bei strategischen Entscheidungen und Investitionen im Betrieb berücksichtigen. Shell tut dies schon seit 1999. Unternehmen können auch aktiv an Pilotprojekten wie dem Hessen Tender teilnehmen.

Ein sofortiger Start erscheint also ratsam. . .

Wer sich aktiv in die Diskussion einbringt, kann Prozesse beeinflussen, Erfahrungen sammeln und beim Handelsbeginn fließend einsteigen. Andernfalls kommt 2008 das böse Erwachen. Auch die Preisentwicklung spricht dafür. In der ersten Phase wird unter Berücksichtigung projektbasierter Instrumente im Rahmen von CDM und JI der Preis je gehandelter Tonne CO2 deutlich unter zehn Euro liegen. Ohne diese Instrumente erwarten wir einen Preis um zehn Euro herum. Ich hoffe, es bleiben nicht viele auf dem Zaun sitzen, denn der Markt braucht viele Teilnehmer, um gut funktionieren zu können.

Hat der Emissionshandel auch Nachteile?

Zu viel Bürokratie wäre teuer und kontraproduktiv. Man sollte zur Verifizierung wie bei der Bilanzprüfung internationale, neutrale Wirtschaftsprüfer einsetzen. Wichtig wäre auch die steuerliche Anerkennung der Kosten für den Kauf und Verkauf von Emissionszertifikaten. Sonst entstünde eine Benachteiligung gegenüber anderen emissionsmindernden Investitionen. Um das Thema Emissionshandel in der Wirtschaft noch stärker ins Bewusstsein zu rücken, sind auch Großkonzerne gefragt.

Was halten Sie von Prognosen, wonach Unternehmen aus Kostengründen in Nicht-Kyoto-Länder abwandern könnten?

Reine Schwarzmalerei. Es gibt keine Wettbewerbsnachteile, denn die Konkurrenten sitzen im selben Boot. Niemand kann sich aus dem weltweiten Kyoto-Prozess heraushalten. Es ist unrealistisch, dass Unternehmen - bloß um 5 Euro pro Tonne CO2 einzusparen - neue, teure Fabriken in Nicht-Kyoto-Ländern bauen und enorme Logistikkosten auf sich nehmen, um die Produkte zu ihren hiesigen Märkten zu bringen.

Das Gespräch führte Susanne Bergius.

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