Nachgefragt: Michael Ruhl: Stammzellen als Alleskönner

Nachgefragt: Michael Ruhl
Stammzellen als Alleskönner

In adulten Stammzellen steckt ein größeres Potenzial als bislang gedacht, eine Chance auch für die Biotechnologie? Ein Interview mit dem Geschäftsführer der Cardion AG.

Ihrer uneingeschränkten Fähigkeit, sich in jeden gewünschten Zelltyp verwandeln zu können, verdanken embryonale Stammzellen das große Interesse von Biotechnologie-Unternehmen und Öffentlichkeit. Nährt ihre Alleskönnerschaft doch die Hoffnung auf ein Allheilmittel gegen viele Volkskrankheiten wie Herzinfarkt, Parkinson oder Diabetes und für die Industrie die Aussicht auf Milliardengewinne.

Demgegenüber ist die Nutzung adulter Stammzellen ethisch zwar unproblematisch, da jeder Mensch bis zu seinem Lebensende über sie verfügt. Doch gelten adulte Stammzellen wegen ihrer eingeschränkten Fähigkeit, nur noch bestimmte Zell- und Gewebetypen nachliefern zu können, als weniger attraktiv. Bis vor kurzem - als bekannt wurde, dass bei sechs Infarktpatienten mit stark zerstörtem Herzmuskel durch die Übertragung von eigenen Blutstammzellen die Regeneration des Herzgewebes angeregt werden konnte. Damit scheint klar: In adulten Stammzellen steckt ein größeres Potenzial als bislang gedacht, eine Chance auch für die Biotechnologie?

Wir sprachen darüber mit Michael Ruhl, dem Geschäftsführer der auf Stammzellforschung spezialisierten Cardion AG, Erkrath.

HB: Herr Ruhl, Sie setzen vor allem auf therapeutische Produkte, die aus Abkömmlingen embryonaler Stammzellen gewonnen werden. Wie bewerten Sie nach den jüngsten Therapieerfolgen mit adulten Stammzellen die Aussichten dafür?

Ruhl: Wir arbeiten nicht mit embryonalen Stammzellen, aus denen sich noch ein vollständiger Mensch entwickeln kann, sondern mit bestehenden Linien, die pluripotente Stammzellen liefern. Diese können, wie embryonale Stammzellen, mehr als nur einen Zell- oder Gewebetyp liefern.

HB: Offenbar lassen sich auch bei adulten Stammzellen diese schlummernden Fähigkeiten wieder wecken, das scheinen die Erfolge der Düsseldorfer Mediziner nahe zu legen. Wer macht denn nun das Rennen um neue Therapien und wirtschaftliche Erfolge?

Ruhl: Ich glaube, dass es embryonale beziehungsweise pluripotente und adulte Stammzellen gleich gut machen werden. Es werden sich aber wahrscheinlich unterschiedliche Einsatzschwerpunkte herausbilden.

HB: Können Sie Beispiele nennen?

Ruhl: Embryonale oder pluripotente Stammzellen haben für uns den Vorteil, dass sich ihr Wachstumsverhalten besser kontrollieren lässt. Mit Hilfe einer speziellen Filtertechnik können wir daraus gut reproduzierbare Zellprodukte gewinnen. Für den wirtschaftlichen Erfolg sind das entscheidende Kriterien. Mit adulten Stammzellen erscheint es mir derzeit schwieriger zu sein, in größerer Menge standardisierte Produkte zu günstigen Kosten herstellen zu können. Die Wachstumskontrolle adulter Stammzellen ist nicht einfach, weil dazu eine Vielzahl von molekularen Signalen überwacht werden muss, die diese Zellen ständig mit ihren Nachbarzellen austauschen. Ich gehe davon aus, dass sie vor allem bei der Akutbehandlung wie dem Blutzellenaufbau nach einer Leukämie oder zur Wundregeneration bei Brandopfern eingesetzt werden, wo der Kostenfaktor nicht den Stellenwert hat.

Die Fragen stellte Silvia von der Weiden.

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