Nachgefragt: Otto Welteke: "Im Moment sehe ich keine Deflationsgefahr"

Nachgefragt: Otto Welteke
"Im Moment sehe ich keine Deflationsgefahr"

Herr Welteke, der IWF hat die Industrie-Staaten aufgerufen, Ihre Wachstums-Anstrengungen zu verstärken. Was kann die Bundesregierung in diesem Sinne tun?

Die Bundesregierung hat kürzlich Vorschläge gemacht, welche Reformen dringlich sind. Jetzt kommt es darauf an, dass die Parlamentarier in Bundestag und Bundesrat aus diesen Reform-Vorschlägen Gesetze machen. Die IWF-Empfehlung für Europa, die automatischen Stabilisatoren unabhängig vom Defizit voll wirken zu lassen, kann ich allerdings nicht unterstreichen. Das ist geradezu eine Einladung an alle diejenigen, die öffentliche Programme durch weitere Kredit-Aufnahmen finanzieren wollen. Und es ist eine Absage an diejenigen, die sich bemühen, die öffentlichen Haushalte zu konsolidieren. Genau das ist jedoch dringend erforderlich, um Konflikte zwischen Finanz- und Geldpolitik zu vermeiden.

Finanzminister Hans Eichel hat den IWF mit der Aussage zitiert, bei der Geldpolitik gebe es noch Luft . . .

. . . da gilt das alte Sprichwort: Je mehr man Notenbänker schlägt, desto steifer werden sie. Wir werden in der Europäischen Zentralbank unsere Geldpolitik unabhängig davon gestalten, was der IWF oder andere uns an Ratschlägen geben.

Aber die Inflations-Entwicklung in Europa ist doch rückläufig. Die Eurozone wird 2003 wahrscheinlich bei einem Wert von unter zwei Prozent landen. Und Deutschland bewegt sich sogar auf die Ein-Prozent-Marke zu. Wird durch die schwindende Inflations-Gefahr der geldpolitische Spielraum nicht doch höher?

Die EZB hat innerhalb der letzten vier Monate zweimal die Leitzinsen gesenkt. Wir wissen doch, dass jede Zinssenkung erst mit einer Verzögerung greift. Wir haben in der Bundesrepublik Deutschland noch nie niedrigere Notenbank-Zinsen gehabt als gegenwärtig.

Verstehe ich Sie richtig, dass die Wahrscheinlichkeit einer weiteren Senkung der Leitzinsen vor der Sommerpause eher gering ist?

Weder dementiere ich das, noch bestätige ich es.

Der IWF hat der EZB empfohlen, ihre Messlatte von Preis-Stabilität, die unter zwei Prozent liegt, etwas nach oben zu schieben. Der Fonds plädiert stattdessen für eine Inflations-Obergrenze von durchschnittlich 2,5 Prozent. Ist die EZB nicht doch zu rigide?

Man kann lange darüber diskutieren, ob die zwei Prozent nicht ein zu ehrgeiziges Ziel sind. Aber man muss berücksichtigen, dass wir dieses Ziel seit der Einführung des Euros nur in einem Jahr erreicht haben. Die EZB bemüht sich ja nicht sklavisch, unterhalb von zwei Prozent zu kommen - wir peilen dies auf mittlere Sicht an. Es ist uns immerhin gelungen, mit dieser Definition die Inflationserwartungen der Marktteilnehmer in der gesamten Periode seit Einfüh-rung des Euros unter zwei Prozent zu halten. Das ist ein ganz erheblicher Erfolg, der mithilft, höhere Inflationsraten zu vermeiden.

IWF-Chefvolkswirt Kenneth Rogoff hat vor der Gefahr einer Deflation in Deutschland gewarnt. Würden Sie ausschließen, dass Deutschland in ein deflationäres Fahrwasser wie Japan gerät?

Ausschließen - das sagt mir die Erfahrung - würde ich überhaupt nichts. Aber ich sehe im Augenblick keine unmittelbare Gefahren. Wir haben nach wie vor bei der Kern-Inflationsrate und bei den harmonisierten Verbraucherpreisen einen Anstieg um über einen Prozentpunkt. Und das bei einem Wachstum, das fast bei null Prozent liegt. Außerdem gibt es in Deutschland keine Immobilien-Blase. Niemand behauptet, Verbraucher würden Käufe zurückstellen, weil sie erwarten, dass die Preise noch weiter sinken könnten.

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