Nachgefragt
Roach: „China ist nur ein Sündenbock“

Stephen Roach, Chefökonom der Investmentbank Morgan Stanley, nimmt in Handelsblatt-Interview Stellung zu den Risiken für die Weltwirtschaft und der Gefahr des US-Leistungsbilanzdefizits.

Handelsblatt: Erwarten Sie neue wirtschaftspolitische Vorschläge von der IWF-Tagung?

Roach: Ich bin nicht sehr optimistisch. Das Beste wäre ohnehin, wenn sich die Politik raushält und die Marktkräfte gewähren lässt.

Worin bestehen die größten Risiken für die Weltwirtschaft?

Das größte Risiko ist eine neue Welle von Protektionismus. Der Kollaps der WTO-Gespräche, der Handelskrieg der USA gegen China und die Schuldzuweisung der Europäer an asiatische Länder für deren Wechselkurspolitik - alles deutet auf einen neuen Protektionismus hin.

Ist die Kritik an China unberechtigt?

Ja, völlig. China wird von den USA und anderen zum Sündenbock gemacht. Man sollte China helfen, seine Kapitalmärkte zu reformieren. Ansonsten: Hände weg von China. Das Problem sind nicht die Chinesen, sondern die Produktionsverlagerungen westlicher Unternehmen nach Asien.

Was sagen Sie zu Japans Eingriffen auf den Devisenmärkten?

Es ist grotesk, dass die zweitgrößte Volkswirtschaft der Erde ihre Währung künstlich niedrig hält.

Birgt das enorme US-Leistungsbilanzdefizit nicht auch hohe Risiken?

Es hat gefährliche Dimensionen erreicht. Es liegt jetzt bei mehr als fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Das ist auf Dauer nicht aufrechtzuerhalten.

Und was passiert dann?

Der Dollar könnte im schlimmsten Fall abstürzen, wenn der Kapitalzufluss in die USA versiegt. Die US-Währung ist immer noch überbewertet und muss von ihrem hohen Niveau herunter.

Wie soll das gehen, ohne der Weltwirtschaft zu schaden?

Man kann versuchen, den Dollar herunterzureden. Bislang ist die Kurskorrektur des Greenbacks ganz ordentlich verlaufen.

In den USA bahnt sich ein Aufschwung an. Ist die US-Wirtschaft damit aus dem Schneider?

Keineswegs. Der Aufschwung wird nicht von langer Dauer sein.

Warum nicht?

Die Erholung sorgt nicht für mehr Beschäftigung. Wir hätten drei Millionen neue Arbeitsplätze schaffen müssen. Stattdessen haben wir mehr als eine Million Stellen verloren. Viele Industrieunternehmen und auch Dienstleister haben wichtige Geschäftsbereiche ins Ausland verlagert.

Das Gespräch führte Torsten Riecke.

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