Nachgefragt:: Stiglitz-Interview: „Die Bush-Regierung hat einen Riesenfehler gemacht“

Nachgefragt:
Stiglitz-Interview: „Die Bush-Regierung hat einen Riesenfehler gemacht“

Eurokurs, Stabilität oder Sicherheit. Welche Themen sollen beim Weltwirtschaftsforum in Davos ganz oben stehen? Das Handelsblatt hat nachgefragt bei Joseph Stiglitz, Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften im Jahr 2001.

Handelsblatt: Welche Themen sollten beim Weltwirtschaftsforum in Davos und beim Treffen der sieben führenden Industrieländer (G7) Anfang Februar in Florida ganz oben auf der Tagesordnung stehen?

Stiglitz: Erstens die Bedrohung der internationalen Stabilität durch die riesigen Defizite im US-Haushalt und in der amerikanischen Handelsbilanz. Zweitens die Schwäche auf dem US-Arbeitsmarkt und die Wachstumsschwäche in Europa. Und drittens die Hilfe und Handelserleichterungen für die Entwicklungs-länder, insbesondere für Afrika.

Handelsblatt: War das Budget-Defizit in den USA nicht notwendig, um das Land vor einer schweren Rezession zu bewahren?

Stiglitz: Es war sicher unvermeidlich, dass wir durch die Rezession kurzfristig ins Defizit rutschen würden. Hätten die Bush-Regierung jedoch eine vernünftige Stimulierungspolitik betrieben und zum Beispiel die Arbeitslosenunterstützung erhöht, wäre die Wirtschaft viel schneller wieder auf die Beine gekommen.

Handelsblatt: Haben die Steuersenkungen denn nicht gewirkt?

Stiglitz: Die Bush-Regierung hat die Steuern für die Reichen gesenkt. Das hat die Rezession unnötig verlängert und das Defizit vergrößert. Es ist doch interessant, dass vom letzten Weihnachtsgeschäft vor allem Luxusgüter wie Handtaschen von Gucci profitiert haben.

Handelsblatt: Also hat der Internationale Währungsfonds (IWF) Recht mit seiner Kritik an der US-Haushalts-Politik?

Stiglitz: Absolut. Die Bush-Regierung hat einen Riesenfehler gemacht.

Handelsblatt: Ein anderes Thema in Davos und Florida wird sicher der Verfall des Dollar sein. Sollen die Notenbanken intervenieren?

Stiglitz: Interventionen helfen allenfalls für ein paar Wochen. Ich würde vorschlagen, dass die Europäische Zentralbank (EZB) die Zinsen senkt. Das würde die Binnennachfrage ankurbeln und - über eine Schwächung des Euro - auch dem Export helfen.

Handelsblatt: Brauchen wir langfristig ein neues Währungsabkommen?

Stiglitz: Wir müssen darüber nachdenken, wie man die Stabilität im internationalen Währungssystem verbessern kann. Mit dem schwachen Dollar wälzen die USA ihre Probleme auf andere Länder ab.

Handelsblatt: Sie haben Großbritannien und Schweden kürzlich vor einem Beitritt zum Euro gewarnt. Warum?

Stiglitz: Das Problem des Euro ist, dass die Währungsunion grundlegende institutionelle Schwächen aufweist. Die Geldpolitik der EZB ist zu einseitig auf die Inflationsbekämpfung ausgerichtet. Wachstum und Beschäftigung kommen zu kurz. Zudem hat der Stabilitätspakt fundamentale Schwächen. Kleine Länder werden anders behandelt als große.

Handelsblatt: Was schlagen Sie vor?

Stiglitz: Damit eine Währungsunion funktioniert, muss es einen fiskalpolitischen Umverteilungsmechanismus und freie Bewegung auf den Arbeitsmärkten geben.

Handelsblatt: Was meinen Sie damit?

Stiglitz: In den USA gibt es auch eine einheitliche Währung, aber es gibt eine viel bessere fiskalpolitische Umverteilung zwischen den Regionen. Entscheidend ist jedoch, dass die Mobilität auf den Arbeitsmärkten in Amerika viel größer ist als in Europa mit seinen Sprachbarrieren.

Handelsblatt: Braucht Europa den Stabilitätspakt überhaupt noch?

Stiglitz: Man braucht sicher einen Rahmen für den Euro. Schon um sicherzustellen, dass die EZB nicht die Inflationsgefahr von gestern bekämpft, während heute das Risiko einer Deflation dominiert.

Die Fragen stellte Torsten Riecke.

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