Nachgefragt: Thomas Köster
„Basel II ist wettbewerbswidrig“

Ein Interview mit Thomas Köster, Geschäftsführer des Nordrhein-Westfälischen Handwerktages (NWHT)

Weshalb ist eine gut funktionierende Kreditversorgung für den deutschen Mittelstand so wichtig?

Die Vorstellung, Handwerker müssten ja wohl mit einem Lieferwagen und ein paar Werkzeugen auskommen, zeugt von einer tiefen Unkenntnis dieser Unternehmen. Die Investitionssumme, die beispielsweise ein Tischler für eine computergesteuerte Bearbeitungsmaschine aufbringen muss, kann leicht mehrere 100 000 Euro betragen. Der Finanzierungsbedarf ist zwar von Branche zu Branche recht unterschiedlich, in vielen Bereichen aber ganz erheblich.

Warum haben so viele Betriebe über die Jahre hinweg nicht genügend Eigenkapital gebildet, um die Abhängigkeit von Krediten zu minimieren?

Das hat zum einen steuerrechtliche Ursachen. Das deutsche Steuersystem bestraft die Binnenfinanzierung mittelständischer Einzelunternehmen und Personengesellschaften aus dem Cash-Flow. Fremdkapitalzinsen können als Kosten steuerlich voll geltend gemacht werden, fiktive Zinsen auf das Eigenkapital aber nicht. Damit wird die Fremdfinanzierung regelmäßig billiger als die Hereinnahme eigenen Kapitals.

Warum weist ein mittelständisches spanisches oder italienisches Unternehmen im Schnitt wesentlich mehr Eigenkapital aus als ein deutsches?

Mit kleinen Krediten für kleine Unternehmen schaffte die Genossenschaftsbewegung eine Grundlage für die in Deutschland so charakteristische Kultur einer soliden Fremdfinanzierung. Auch konnte der Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg nur auf Grund erheblicher Fremdfinanzierung gelingen.

Ist es nicht verständlich, wenn sich die Banken zunehmend aus dem Kreditgeschäft mit dem Mittelstand zurückziehen, unter anderem auch, weil sich die Zinsmargen auf einem Rekordtief befinden?

Dies ist zunächst einmal betriebswirtschaftlich nachvollziehbar. Schuld aber sind nicht bloß die Margen, sondern ist auch die Tatsache, dass sich vor allem die Großbanken in das Investment-Banking gestürzt haben und ihnen nun die Kosten völlig aus dem Ruder gelaufen sind. So müssen wir jetzt für die versäumten Strukturreformen im Bankensektor büßen.

Welche Auswirkungen hat der Rückzug der Banken auf die wirtschaftliche Entwicklung des Mittelstandes?

Der Rückzug aus dem Kreditgeschäft schafft den betroffenen Unternehmen große Probleme und sorgt darüber hinaus für eine breite Verunsicherung im Mittelstand.

Verschärfen die im Abkommen Basel II aufgeführten neuen Eigenkapitalrichtlinien die Situation?

So ist es! Es gibt schwerwiegende Gründe, die die gesetzlich verbindliche Einführung dieses Regelwerkes als höchst problematisch erscheinen lassen. Die Erwartung des Mittelstandes ist deshalb, die Umsetzung nicht in der bisher geplanten Weise über eine europäische Richtlinie zu verfolgen, die dann in nationales Recht umzusetzen ist. Hier sollten wir uns ein Beispiel an den USA nehmen, die Basel II nur für ihre 37 international tätigen Banken anwenden wollen.

Basel II ist nach Intervention des Bundeskanzlers mittelstandsfreundlicher geworden. Reicht das?

Das ist hilfreich, reicht aber keineswegs aus. Unbeantwortet ist nach wie vor die zentrale Frage, mit welcher Legitimation sich der Staat über die Bankenaufsicht in die Risikoeinschätzungsmethoden der Banken einmischt. Meine Position ist: Basel II als Gesetz ist wettbewerbswidrig und mit hohen Risiken für die Kapitalversorgung im Mittelstand sowie die Stabilität der Finanzmärkte verbunden.

Gibt es aktuell Lösungsmöglichkeiten, die die Unterversorgung des Mittelstandes mit Kapital lindern könnten?

Handwerkerkooperationen sind nicht nur bei der Bündelung von Leistungen, sondern auch bei Finanzierungspartnerschaften zunächst in kleinem Rahmen denkbar. Das kann notfalls auch zu ganz neuen Banken im Sinne der Genossenschaftsbewegung führen.

Quelle: Handelsblatt

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