NACHGEFRAGT: Thomas Meißner
Größere Volatilität bei Firmenbonds

Wann erwarten Sie eine Bodenbildung bei Kursen europäischer Unternehmensanleihen?

Die aktuell trüben Aussichten für die Wirtschaftsentwicklung in den USA ließ Anleger zuletzt in den "sicheren Hafen Staatsanleihen" flüchten. Investoren mieden in diesem Umfeld weniger gehandelte (illiquidere) Titel sowie Emittenten geringerer Bonität, so dass Firmenbonds im Gegensatz zu Staatsanleihen teils drastische Preisabschläge und entsprechende Renditesprünge erfuhren. Der Renditeabstand zwischen Staatstiteln und gerade noch als nicht spekulativ eingestuften Unternehmensanleihen hat sich seit Anfang 2000 um fast einen Prozentpunkt auf historisch hohe 1,55 Prozentpunkte ausgeweitet. Eine Bodenbildung der Kurse kann zustande kommen, wenn sich die Lage in der größten Volkswirtschaft der Welt nachhaltig stabilisiert. Dafür müssten sich in den USA Ungleichgewichte zurückbilden wie das hohe Leistungsbilanzdefizit und die fehlende Sparneigung privater Haushalte.

Wie beurteilen Sie die Renditeunterschiede zwischen Firmen- und Staatsanleihen in Europa im Vergleich zum reifen US-Markt?

Am europäischen Markt für Firmenbonds, der traditionell eine geringe Tiefe hat, waren die Renditeunterschiede (Spreads) verglichen mit US-Spreads bislang niedrig. Eine Angleichung an international übliche weitere und stärker schwankende Spreads wäre im Zuge einer zunehmenden Reife des europäischen Markts daher nicht überraschend.

Was weitet die Renditeaufschläge in Europa aus?

Der in Deutschland und vielen europäischen Ländern zu erkennende Trend, dass Unternehmen Kredite weniger über die Hausbanken und stärker über den Anleihemarkt aufnehmen, dürfte einen weiteren Schub bei den Kreditzinsspannen bringen. Die Ausweitung der Spreads markiert selbstverständlich keine Kreditklemme bei Firmen. Vielmehr deutet sie darauf hin, dass am Markt effektive Preise entsprechend dem höheren Angebot, dem Kreditrisiko und der Liquidität gebildet werden.

Was beschert dem Markt größere Schwankungen?

Traditionell gingen Anleiheexperten von einfachen, linearen Zusammenhängen zwischen wirtschaftlichen Fundamentaldaten und Kreditzinsspannen aus. Heute hingegen nutzen die Bondprofis zunehmend komplexe, nichtlineare, aber realistischere Modelle für die Berechnung von Anleihepreisen und Spreads. Man stellt sich den Wertunterschied zwischen einer Unternehmens- und Staatsanleihe als hypothetische Verkaufoption (Put) vor. In die Bewertung fließen Erwartungen und Vergangenheitsdaten ein, zum Beispiel über Kreditausfälle, Emissionsaktivitäten von Firmen, gesamtwirtschaftliche Daten und Unternehmenskennzahlen. Bei zunehmenden Risiken gibt es mitunter drastische Kursabschläge, die oft krasser sind als bei Berechnungen nach traditionellen Methoden. Setzen sich optionspreisgestützte Modelle durch, dürften die Schwankungen von Kursen und Spreads am Markt weiter zunehmen.

Was bedeutet das für den Markt?

Für den Anleihemarkt sind die Schwankungen nicht negativ zu bewerten, zumal Preise von Bonds auf Basis eines adäquaten theoretischen Modells fairer gebildet werden. Letztlich stärkt es die Effizienz am europäischen Markt.

Die Fragen stellte Anke Rezmer.

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