Nachgefragt: Thomas Straubhaar
„Gnadenstoß im Abschwung“

2001 war das Pleitenrekordjahr. Wird es dieses Jahr noch schlimmer?

Wir erwarten 2002 die Konjunkturwende. Deswegen dürfte die Zahl der Insolvenzen eher sinken. Der Höhepunkt dürfte jetzt im Frühjahr erreicht worden sein. Berechnungen des HWWA zeigen, dass Pleiten dem Abschwung hinterherhinken, das bedeutet, in der Endphase der Rezession häufen sich die Zusammenbrüche.

War also die Rezession Ursache für die Pleitewelle?

Die Mehrzahl der Pleitefirmen hatte strukturelle Probleme, nehmen Sie Holzmann und Herlitz als Beispiel, oder es handelte sich um nicht überlebensfähige Neugründungen. Im konjunkturellen Abschwung bekommen diese Unternehmen dann lediglich den Gnadenstoß. Ihre finanziellen Polster sind aufgebraucht, sie können die im Aufschwung notwendigen Investitionen nicht mehr finanzieren.

Worin sehen Sie die Ursachen für die Vielzahl der Zusammenbrüche?

Die Rolle der Banken hat sich geändert. Sie sind kritischer bei der Kreditvergabe geworden. Bei der Beurteilung der Kreditwürdigkeit eines Unternehmens müssen sie jetzt auch auf die neuen Eigenkapitalregeln achten. Ein weiterer Grund ist die Änderung im Insolvenzrecht, die 1999 in Kraft getreten ist. Es ist jetzt für Unternehmen einfacher, ein Insolvenzverfahren einzuleiten. Das ist auch der richtige Weg. Eine Firmenpleite darf nicht als Stigma oder persönliches Scheitern verstanden werden.

Deutsche Politiker greifen gefährdeten Unternehmen gerne mit staatlichen Garantien unter die Arme. Helfen sie damit wirklich?

Ich halte von staatlichen Interventionen zu Gunsten insolventer Firmen aus zwei Gründen nicht viel: Erstens geraten dann immer mehr Firmen in Versuchung, staatliche Hilfe für sich zu beanspruchen, auch wenn es vielleicht noch gar nicht so schlimm um sie steht - ein typisches Problem des "moralischen Risikos". Es drohen Mitnahmeeffekte. Zweitens droht die Gefahr, dass gutes Geld schlechtem Geld hinterhergeworfen wird. Denn der Staat kann nicht erkennen, welche Unternehmen Hilfe benötigen. Das wissen zu wollen, grenzt an Anmaßung. Die Entscheidung, in welche Industrien investiert wird, kann allein der Markt treffen.

Unions-Kanzlerkandidat Edmund Stoiber sollte also nicht dem Beispiel Gerhard Schröders folgen?

Die Industriepolitik Stoibers und Schröders unterscheidet sich bereits jetzt kaum, beide sind interventionistisch. Mein Rat ist, Landespolitiker sollen gute Standortpolitik betreiben und Softfaktoren, wie innere Sicherheit, Bildung und Kultur fördern. Auf Bundesebene braucht man zudem eine echte Ordnungspolitik. Sozialpolitik und Wirtschaftspolitik sollten nicht vermischt werden.

Das Gespräch führte Petra Schwarz.

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