NACHGEFRAGT: DIETER HEUSKEL
„Im Zweifel den französischen Weg“

Ein Gespräch mit Dieter Heuskel, Geschäftsführer der Unternehmensberatung Boston Consulting GmbH. Die Fragen stelle Dirk H. Heilmann.

Herr Heuskel, brauchen wir wirklich "europäische Champions"?

Es ist exorbitant wichtig für Europa wie für Deutschland, Unternehmen mit Zentralen im Land zu haben, die global wettbewerbsfähig sind. Die globale Konsolidierung wird weitergehen. Darum ist die Bildung von Champions eine betriebswirtschaftliche Notwendigkeit; das hat mit Kosten und mit Marktmacht zu tun.

Worin besteht denn genau der Vorteil, den Sitz eines Weltkonzerns im Land zu haben?



Konzernzentralen konzentrieren die Wertschöpfungselemente auf sich, die für die Wirtschaftskraft eines Landes entscheidend sind. Nehmen Sie Adidas und Puma: Die betreiben Design und Marketing in Deutschland und die Fabriken wandern je nach Kosten von Irland in die Türkei, von dort nach China und dann nach Vietnam. Zweitens fühlen sich auch Weltkonzerne ihrem Standort verbunden und investieren dort.

Wenn Sie die deutsche und die französische Politik vergleichen, wer hat sich bisher klüger verhalten?

Die Franzosen haben schon sehr viel früher verstanden, wie wichtig Champions sind und haben sich in vielen Branchen wenigstens die Option offen gehalten, um die Führungsrolle mitzukämpfen. Deutschland hat sich hingegen bisher aus falsch verstandener Liberalität herausgehalten und stellt nun fest, dass es in einigen Branchen wie Pharma, Mineralöl und Konsumgüter weit zurückgefallen ist.

Sollten wir also die französische Industriepolitik kopieren?

Die Franzosen machen es ja auch falsch, weil sie nur an Symptomen operieren, statt die Standortbedingungen zu schaffen, unter denen die Unternehmen auf dem Weltmarkt konkurrieren können. Aber im Zweifel werden wir den französischen Weg gehen müssen, ja.

Welche Chancen geben Sie der Idee, dass Deutschland und Frankreich gemeinsam europäische Champions schaffen?

Ich glaube nicht an Champions mit europäischer Identität. Bis dahin werden noch 20 und mehr Jahre vergehen. Es wäre gut, wenn sich die beiden Länder auf die Notwendigkeit einer europäischen Konsolidierung verständigten. Ich kann aber auch verstehen, wenn andere EU- Mitglieder solche bilateralen Bemühungen mit Argwohn sehen.

Wenn sich die Bundesregierung also jetzt einer aktiven Industriepolitik verschreibt, wo muss sie als erstes einschreiten?

Im Finanzsektor ist im hohen Maße der Staat gefragt, auch weil noch viele Banken und Versicherungen unter staatlicher Kontrolle sind. Sowohl eine Konsolidierung innerhalb der drei Säulen Sparkassen, Genossenschafts- und Privatbanken als auch zwischen den drei Säulen ist möglich. Hauruck-Aktionen wie im Fall der Postbank bringen allerdings nichts.

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