Nachgefragt
„Wer zu wenig schläft, stirbt früher“

Professor Born, in unserer Leistungsgesellschaft gilt Schlaf als vergeudete Zeit. Wer viel schläft, gilt mitunter aus Faulpelz. Wie sehen Sie das aus medizinischer Sicht?

Diese Vorurteile gegenüber dem Schlaf sind Unsinn. Sowohl die gesundheitlichen Konsequenzen von Schlafmangel als auch die positiven Effekte eines ausreichenden Schlafes werden deutlich unterschätzt.

Viele Berufstätige glauben aber: Je weniger ich schlafe, desto leistungsfähiger bin ich, weil ich mehr Zeit habe, Dinge zu erledigen.

Das Gegenteil ist richtig. Je stressiger mein Alltag ist, um so länger muss ich schlafen. Wer dauerhaft einem Schlafdefizit ausgesetzt ist, leidet über kurz oder lang unter einem erhöhtem Blutzuckerspiegel und Insulinresistenz und schüttet mehr Stresshormone aus.

Was heißt das für Arbeitstiere?

Das sind alles Zeichen des metabolischen Syndroms, der klassischen Krankheit der Industriegesellschaft - Diabetes Typ 2, Übergewicht, Bluthochdruck. Zwischen dem im Schnitt immer kürzeren Schlaf und der Zunahme dieser typischen Gesellschaftskrankheit über die Jahrzehnte besteht ein klarer Zusammenhang. Ein hohes Schlafdefizit begünstigt auch die Mortalität: Wer zuwenig schläft, stirbt früher.

Was bringt mir denn ein langer Schlaf?

Wir haben das anhand mathematischer Aufgaben an Probanden erforscht: Wer länger schläft, entwickelt am nächsten Tag neue und bessere Lösungsansätze. Tatsächlich verbessert ein erholsamer und ausgedehnter Schlaf die Leistungsfähigkeit. Denkprozesse laufen effizienter ab, und man ist sogar in der Lage, andere Blickwinkel für Probleme zu erarbeiten.

Sollten wir also häufiger einmal "eine Nacht über etwas schlafen"?

Definitiv. Schlafen verbessert das Gedächtnis, restrukturiert Erfahrungen und macht Denkprozesse effizienter.

Wer aus Zeitmangel die Wahl hat zwischen einem ausgedehnten Lauf oder einer Stunde länger schlafen - was raten Sie demjenigen: ausschlafen oder Sport treiben?

Wenn es gar nicht anders geht, dann doch lieber ausschlafen als die Nacht für einen Lauf verkürzen. Der Schlaf ist so etwas wie die Reset-Taste des Körpers, damit kann er vom Stress des Tages maximal abschalten. Das Erholungspotenztial des Schlafs ist nicht zu steigern.

Kann ich denn durch ausgedehntes Ausschlafen am Wochenende mein Schlafkonto ausgleichen, wenn ich unter der Woche ein Defizit aufgebaut habe?

Produktiv im Sinne einer optimalen Leistung am Tag und erholsam ist vor allem ein habitueller Schlaf, der einen bestimmten Rhythmus und eine bestimmte Dauer pro Nacht einhält. Dabei ist es sogar egal, ob ich von immer von 22 bis 5 Uhr oder von 1 bis 8 Uhr schlafe, solange die Gesamtdauer und der Rhythmus stimmen.

Darf man mit einem Glas Wein oder Bier das Einschlafen erleichtern, etwa bei Schlafstörungen?

Nein, der Schuss ginge nach hinten los. Alkohol behindert die nächtliche Zellreparatur und sorgt für einen flachen Schlaf ohne die erholsamen Tiefschlafphasen. Bei einem Glas beeinflusst das die wichtige erste Phase kurz nach dem Einschlafen. Bei mehr Gläsern können Sie das Ergebnis dieser mangelnden Zellreparatur morgens auch im Spiegel sehen.

Die Fragen stellte Christian Kirchner

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