NACHGEFRAGT: WERNER G. SEIFERT
Deutsche Börse ist keine Volksaktie

Der Börsengang der Deutschen Börse AG geht in die heiße Phase: Morgen beginnt die Zeichnungsfrist für die gut 2,9 Mill. Aktien. Der Preis einer Aktie wird maximal 350 betragen, der Börsengang spült dem Unternehmen rund 1 Mrd. in die Kassen. Die Aktie notiert erstmals am 5. Februar im Amtlichen Handel. Börsenchef Werner G. Seifert äußert sich zu den Aussichten für die Aktie der Deutschen Börse.

Wie entwickelt sich das Interesse für die Aktie vor dem Börsengang?

Unsere Aktie kommt bei internationalen Banken, Fonds und Versicherungen gut an. Auch Technologie- und Medienunternehmen erkundigen sich. Für die Aktie interessieren sich auch Privatanleger, obwohl sie nicht unsere Hauptzielgruppe sind. Es wird keine festen Platzierungsquoten für bestimmte Investorengruppen geben.

Wie reagieren die Altaktionäre auf Ihre Aufforderung, Bezugsrechte nicht auszuüben?

Bislang hat sich eine überwältigende Mehrheit von 80 % unwiderruflich verpflichtet, auf das Bezugsrecht zu verzichten. Für weniger als 1 % liegen uns Erklärungen vor, das Bezugsrecht ausüben zu wollen. Sobald die Wertpapiere am Markt sind, kann ich mir vorstellen, dass einige der bisherigen Aktionäre ihre Beteiligungen verkaufen werden.

Beobachter hatten den Eindruck, dass der Zeitplan des Börsengangs deutlich gestrafft wurde. So wurde der geplante Aktiensplit auf unbestimmte Zeit verschoben.

Wir haben keine Änderung am Zeitplan vorgenommen, aber auf den Aktiensplit verzichtet, um die Komplexität zu begrenzen. Das Gewicht der Aktie spielt nach Aussagen der uns beratenden Banken für die Zeichnungsbereitschaft der Investoren keine Rolle. Das gilt auch für Privatanleger. Die Mindestordergröße für die Neuemission beträgt 5 Aktien. Der Gegenwert in Euro liegt deutlich unter dem durchschnittlichen Zeichnungsvolumen von Privatanlegern. Wir halten uns aber die Option des Aktiensplits offen.

Welcher Aktien-Optionsplan ist für Mitarbeiter vorgesehen?

Berücksichtigt werden die sieben Vorstände sowie 70 Führungskräfte. Die Messlatte ist der Dow Jones Stoxx Technology Index, der in den vergangenen sechs Jahren um jährlich 28 % gestiegen ist. Das Volumen wird maximal ein Prozent des Ertrags der Deutschen Börse ausmachen. Die Haltefrist der Optionen beträgt mindestens drei Jahre. Den Aktienoptionsplan wollen wir künftig auf alle Mitarbeiter ausdehnen.

Hat es nicht einen faden Beigeschmack, wenn sich die Deutsche Börse selbst an der Börse zulässt?

Die Zulassung erfolgt nie durch die Deutsche Börse. Im Zulassungsausschuss sitzen keine Mitglieder des eigenen Unternehmens, die Entscheidung ist also unabhängig.

Aber der Börsenvorstand muss doch die Entscheidung für die Aufnahme in einen Index absegnen?

Es gibt eindeutige Kriterien für die Aufnahme in Indizes. Hier berät ein Arbeitskreis den Vorstand. Wir werden mit Sicherheit nicht unsere eigenen Regeln beugen.

Besteht Ihrer Ansicht nach kein Interessenkonflikt für die Deutsche Bank, die als Großaktionär und Konsortialführer eigene elektronische Handelssysteme aufbaut?

Das gehört zur neuen Welt. Der Markt entscheidet. Die Deutsche Bank kann sich nicht selber beschränken. Sie unterscheidet zwischen ihren einzelnen Aufgaben, und sie macht das sehr professionell. Den Beweis für die Rentabilität von Bankenhandelssystemen muss es allerdings erst noch geben.

Was wollen Sie mit dem Geld aus dem Börsengang anfangen? Anbieten würde sich etwa die Übernahme des Wertpapierabwicklers Clearstream, an dem sie nur die Hälfte halten.

Mit Clearstream haben wir ein sehr produktives Arbeitsverhältnis aufgebaut. Es besteht von unserer Seite kein Anlass, daran etwas zu ändern. Mit der neuen Akquisitionswährung können und werden wir allerdings unser Portfolio insgesamt kunstvoller ausbauen.

Etwa mit einer Übernahme der Londoner Börse?

London ist eine attraktive Kassamarktbörse, die allerdings schlecht geredet wird; das tut mir in der Seele weh. Ich glaube zwar nicht, dass es zu einer "Fusion unter Gleichen" kommt, wie mit dem Börsenprojekt IX im vergangenen Jahr. Trotzdem bestehen mit der LSE unbestreitbar hohe Synergiepotenziale, wie auch mit der schwedischen OM Gruppen.

Allerdings dürfte die von Ihnen geforderte Vertragsstrafe von 10 Mill. die Briten verstimmt haben.

Das ist nur die Vertragsstrafe, die wir im Vorfeld für den Fall ausgehandelt hatten, dass sich einer der Partner zurückzieht.

Wenn sich die LSE mit Euronext oder der Nasdaq verbündet, könnten ihnen langsam die Kooperationspartner ausgehen.

Die Unkenrufe, die Deutsche Börse sei isoliert, sind falsch. Der Zusammenschluss der Börsen Paris, Amsterdam und Brüssel zu Euronex ist eine große unternehmerische Leistung, hat aber einen geringen Konsolidierungseffekt. Die Deutsche Börse ist in allen Geschäftsfeldern größer als Euronext. Eine Fusion muss auch sinnvoll sein. Bei kleineren Börsen bevorzugen wir daher eher andere Formate mit geringerer Komplexität, wie in der Zusammenarbeit mit den Börsen Dublin und Wien, die ihren Markt auf Xetra überführt haben.

Machen Ihnen die alternativen Handelssysteme Sorge, die so genannten Electronic Communication Networks (ECN)?

Nein. Niemand in der Welt kann ein ECN schneller und besser aufbauen als wir. Das haben wir bewiesen und werden wir mit neuen elektronischen Handelsplätzen für die Realwirtschaft - etwa bei Abfall - fortsetzen. Wir würden uns auch an einem ECN beteiligen, wenn es sinnvoll wäre. ECNs für Finanzprodukte nach US-Vorbild dürften in Europa aber kaum Chancen haben.

Das Gespräch führten Robert Landgraf, Christian Potthoff und Felix Schönauer.

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