NACHGEFRAGT: WIBKE BRUHNS
Wibke Bruhns: „Wir sind immer noch traumatisiert“

Das Handelsblatt im Gespräch mit Wibke Bruhns, Journalistin und freie Autorin. Bruhns war die erste Frau, die im Fernsehen die Nachrichten präsentierte.

Was hat Sie bewogen "Meines Vaters Land" zu schreiben?

Ich habe 1979 die historischen Filmaufnahmen gesehen, in denen mein Vater Hans Georg Klamroth vor dem Volksgerichtshof steht. Ich wusste nichts über ihn. Ich wollte mir diesen Mann und sein Umfeld präsent machen.

Warum haben Sie fast 25 Jahre gewartet?

Ich hatte vorher einfach keine Zeit. Und ich glaube auch, ich hätte des Buch Ende der siebziger Jahre gar nicht so schreiben können wie heute.

Weil Sie die Dinge damals anders bewertet haben?

Ja. Meine Einsichten sind deutlich abhängig von meinem Alter. Ich war eine klassische 68erin. Ich wusste genau, wo es langgeht und fühlte mich gegenüber der Elterngeneration im Recht. Diese ungute Haltung jetzt revidieren zu können, empfinde ich als wohltuend.

Wie erklären Sie sich das große Interesse von Lesern und Zuschauern an Themen aus der NS-Zeit?

Wir sind immer noch geprägt und traumatisiert von der Zeit damals. Ich dachte früher: Irgendwann wird der Zweite Weltkrieg nur noch ein Datum in der Geschichte sein. Das war ein Irrtum. Die Verstrickung unserer Eltern und Großeltern, die politische Landkarte Europas heute, alles hängt miteinander zusammen und wurde letztlich durch diesen Krieg verursacht. Wir leben alle mit unserer Geschichte. Und das ist auch gut so.

Glauben Sie, das Verhältnis der Deutschen zu ihrer eigenen Geschichte beginnt, sich zu normalisieren?

Ich glaube, die Zeit ist gekommen, die historischen Dinge objektiver zu betrachten als etwa in den siebziger Jahren. Damals gab es nur Schwarz und Weiß. Wir haben die Rolle des Schuldigen angenommen. Und wer das nicht tat, war ein Revanchist. Aber der Krieg war nicht nur fürchterlich für die Nachbarn, die wir überfallen haben. Er war auch fürchterlich für uns selbst.

Es fällt auf, dass Sie die Menschen, die Sie in dem Buch beschreiben, nicht verurteilen.

Ich will ja nicht denunzieren. Ich will verstehen, warum die das damals so gemacht haben. Natürlich ist es nicht in Ordnung, wenn eine Familie schon 1933 die arische Abstammung schriftlich dokumentiert und auch noch stolz darauf ist. Aber deshalb mache ich nicht zu und sage, mit Euch möchte ich nichts mehr zu tun haben.

Sie veröffentlichen zum Teil sehr intime Dinge aus Ihrer Familie. All das mussten Sie recherchieren. Hatten Sie Probleme, an die Informationen zu kommen?

Nein, die Familie hat mir sehr geholfen. Sie haben mir die Tagebücher und Briefe gegeben. Sie waren alle sehr neugierig auf das, was ich da schreibe.

Und wie sehen Ihre Verwandten das fertige Buch heute?

Die Resonanz ist wunderbar. Sie reagieren alle durchweg positiv. Sie sagen, es sei ein wichtiges Buch.

Die Fragen stellte Christoph Moss.

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