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Nachhaltig wirtschaften – aber wie, Herr Otto?

Nachhaltigkeit heißt für mich, nicht von der Substanz zu leben oder auf Kosten anderer. Es gilt, Mensch und Natur zu versöhnen, die natürlichen Lebensgrundlagen zu bewahren und auch für künftige Generationen zu erhalten: Wir dürfen nur so viel verbrauchen, wie auf natürliche Weise nachwächst oder reproduziert werden kann.

Bei einem sinnvollen Umgang mit den Ressourcen bedeutet das ausdrücklich nicht Askese, wie oft fälschlich behauptet wird. Im Gegenteil - intelligente Nachhaltigkeitsstrategien sind ein Gewinn für alle. Wir erleben das in unserem Unternehmen hautnah in dem Bemühen um die weltweite Durchsetzung ökologischer Normen und sozialer Mindeststandards.

Eine nachhaltig ökologisch und sozial ausgerichtete Unternehmensführung steht im Grundsatz gerade nicht in Widerspruch zu betriebswirtschaftlichen Zielen - sie wird mittelfristig sogar unabdingbar sein für ökonomischen Erfolg. Umweltschutz kostet nicht zwingend mehr Geld. Er kann in vielen Fällen kostenneutral sein oder sogar zu Einsparungen führen. Natürlich trifft das kurzfristig betrachtet nicht in allen Fällen zu. Dennoch muss ein gesundes Unternehmen bereit sein, für eine gewisse Zeit in einen solchen Bereich zu investieren und auch Produkte zu subventionieren.

Der Verbraucher hält sehr viel von umweltfreundlichen Produkten, möchte dafür aber nicht mehr Geld ausgeben. Deshalb subventionieren wir beispielsweise Ökotextilien für eine Übergangszeit. Da mit wachsenden Losgrößen - sprich: steigenden Absatzzahlen - die Produktionskosten und damit unsere Einkaufspreise günstiger werden, sinkt die Subventionierung. Wir sind bei Ökotextilien bereits nahe an der Rentabilitätsschwelle.

Überhaupt ist der Zielkonflikt zwischen ökologischen und ökonomischen Zielen weit weniger ausgeprägt, als oft unterstellt wird. Wir stellen einen engen Zusammenhang fest zwischen Produktivität und Qualität einerseits und Umweltfreundlichkeit andererseits: Lieferanten, die umweltfreundlich produzieren, sind erfahrungsgemäß am besten organisiert und am innovativsten in ihren Fertigungsprozessen. Produzenten mit höheren Umwelt- und Sozialstandards produzieren folgerichtig meist nicht teurer, sie büßen weder Konkurrenzfähigkeit ein, noch gefährden sie damit Arbeitsplätze.

Was ich aber ablehne, ist eine umgehende Festschreibung von hoch angesetzten Öko- und Sozialstandards durch die Welthandelsorganisation (WTO). Die Gefahr ist groß, dass dann starke Handelsrestriktionen für die Entwicklungsländer aufgebaut werden - dabei wäre eine Abkopplung von der Weltwirtschaft das Schlimmste, was diesen Ländern passieren kann. Man sollte vielmehr versuchen, Einfluss über die Nachfrageseite auszuüben und eine schrittweise Anpassung zu erreichen.

Otto als Europas größter Versandkonzern macht den Produzenten zunächst in Beratungsgesprächen und Workshops klar, dass die Erfüllung von Umwelt- und Sozialstandards in den Industrieländern immer stärker gefordert wird. Wer sich als Hersteller frühzeitig darauf einstellt, wird künftig beim Export einen Vorsprung haben. Die Resonanz auf unsere Initiativen ist sehr positiv. Wir machen anschließend wiederholte Audits, um festzustellen, ob unsere Normen erfüllt werden. Wo das nicht der Fall ist, setzen wir Fristen. Wenn die Anforderungen auch nach einem Jahr noch nicht erfüllt werden, wird der Lieferant von uns gesperrt.

Zur Überwachung von Sozialstandards - etwa Arbeitszeitregeln oder Verzicht auf Kinderarbeit - ist es zusätzlich nötig, die Betriebe ohne Vorankündigung zu überprüfen. Sonst ist die Gefahr von Manipulationen groß. Die Durchsetzung ökologischer Fertigungsstandards ist insofern einfacher: Produktionsprozesse lassen sich nun einmal nicht kurzfristig "heimlich" umstellen.

Eine nachhaltig und sozial ausgerichtete Unternehmensführung sollte aber auch in Deutschland ihren Niederschlag finden. Ich mache insbesondere meinen leitenden Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern immer wieder deutlich, dass ich mir ein Engagement für die Gesellschaft neben dem Beruf wünsche - je nach Möglichkeiten und Interesse. Eine Gesellschaft braucht solches Engagement, um zu funktionieren.

Und Nachhaltigkeit in der Wirtschaft heißt nicht zuletzt auch Nachhaltigkeit der Wirtschaftsstruktur: die richtige Mischung von Großunternehmen, von mittelständischen Unternehmen und von Kleinbetrieben. Das ist stets eine Stärke in Deutschland gewesen, denn diese Mischung macht die Flexibilität und Innovationskraft unserer Wirtschaft aus.

Hier sehe ich allerdings mit Sorge, dass die Steuerpolitik der vergangenen Jahre sehr einseitig die Kapitalgesellschaften begünstigt hat. Deshalb ist es aus meiner Sicht ganz wichtig, dass wir gerade den Mittelstand fördern und die neue Regierung - wie immer sie aussehen mag - unbedingt eine Steuerreform zur Entlastung des Mittelstands und zur Eigenkapitalbildung beim Mittelstand auf den Weg bringt.

Aufgezeichnet von Lutz Beukert und Ruth Vierbuchen

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