Nachwirkungen der überraschenden EZB-Zinssenkung
Euro fällt auf Drei-Wochen-Tief

Die Nachwirkungen der überraschenden EZB-Zinssenkung haben am Freitag den Euro auf ein neues Drei-Wochen-Tief unter 0,8776 $ gedrückt. Analysten zeigten wie schon am Vortag Unverständnis für das Vorgehen der Europäischen Zentralbank (EZB). Zwar sei eine Senkung wegen der weltweiten Konjunkturabkühlung überfällig, aber der Zeitpunkt sei sehr verwirrend und widerspreche jüngsten Äußerungen von EZB-Ratsmitgliedern.

rtr FRANKFURT. Der Yen litt unter der Veröffentlichung pessimistischer Wirtschaftsprognosen sowie unter Zweifeln am Reformwillen der neuen japanischen Regierung.

Gegen 11.40 Uhr MESZ kostete ein Euro 0,8767/72 $ nach einem Vorabendschluss in New York von 0,8810/14 $. Es sei nicht überraschend, dass der Euro wegen der EZB-Zinssenkung falle, sagten Devisenhändler übereinstimmend. "Wegen den jüngsten Äußerungen der EZB - Inflation als Grund für stabile Zinsen - weiß der Markt nicht, wie er die Zinssenkung interpretieren soll", sagte Matthew Clements von Prebon Marshall Yamane in London. "Bei den Umständen der Zinssenkung ist es keine Überraschung, dass der Euro schwach ist", sagte er weiter. Devisenhändler in Japan äußerten sich ähnlich. "Die Zinssenkung bringt neue Unsicherheiten und Zweifel über den Entscheidungsprozess der EZB. Die Senkung mag vielleicht Aktien und Anleihen geholfen haben, aber für den Euro hat sie nichts getan", sagte Masayuki Yamamoto von der Bank of America in Tokio.

Die EZB hatte am Donnerstag den Leitzins in der Euro-Zone überraschend um 25 Basispunkte auf 4,50 % gesenkt. EZB-Präsident Wim Duisenberg begründete die Zinssenkung mit dem nachlassenden Inflationsdruck in der Euro-Zone und wertete sie als Beitrag für stabiles Wachstum. Der Euro hatte am Donnerstag auf die Entscheidung zunächst mit einem Kursgewinn von gut einen halben Cent reagiert, im Verlauf jedoch ein Drei-Wochen-Tief bei Kursen um 0,8779 $ gesehen.

Zinsunterschied zu Gunsten des Euro verschwunden

Händler wiesen darauf hin, dass der Zinsunterschied zu Gunsten des Euro nach der EZB-Zinssenkung verschwunden sei. Sollte die EZB - wie nun mehrheitlich erwartet - bis Juli erneut die Zinsen senken, würde der Zinsunterschied zu Gunsten des Euro auch im Falle einer Fed-Zinssenkung in den kommenden Monaten geringer ausfallen als zunächst angenommen. Nach einer Reuters-Umfrage erwarten nun 25 von 31 Volkswirten bereits im Juni oder Juli den nächsten Zinsschritt der EZB. Bis zum Jahresende wird die EZB der Umfrage zufolge den Schlüsselzins nach ihrer Zinssenkung um 0,25 %punkte am Donnerstag um weitere 50 Basispunkte auf dann 4,00 % senken.

Der Yen fiel gegen den Dollar mit 122,85 Yen am Morgen auf den tiefsten Stand seit zehn Tagen, konnte sich danach jedoch wieder auf Kurse von 122,34/38 Yen erholen. Die japanische Regierung revidierte am Freitag den vierten Monat in Folge ihre Konjunkturprognose für das laufende Jahr herunter. Damit ist der Druck auf den neuen Ministerpräsidenten Junichiro Koizumi nach Ansicht von Analysten gestiegen, tiefgreifende Reformen zur Ankurbelung der Wirtschaft durchzusetzen. Händler sagten jedoch, die Hoffnung auf baldige Reformen schwinde und dies belaste den Yen. In einer US-Bank in London hieß es: "Die Leute kaufen am liebsten Dollar - trotz der Probleme in den USA, weil es überall sonst anscheinend noch schlimmer ist.

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