Nachwuchs rekrutiert sich vor allem aus den Reihen des Staates
Langlauf: Antreten zur Medaillenjagd

Deutschlands Langläufer hoffen, dass die Erfolge von Salt Lake City ihren Sport wieder stärker ins Blickfeld rücken. Denn bisher sind sie weitgehend auf Almosen vom Staat angewiesen.

DÜSSELDORF. Schonach im Januar, nordische Junioren-Weltmeisterschaften, Finale im K.o.-Sprint: Drei Läufe über einen Kilometer hat Johannes Bredl schon hinter sich, es folgen Viertel- und Halbfinale. Der Mann aus Rabenstein im Bayerischen Wald ist immer vorne. Jetzt muss die Taktik stimmen, nach zwei Stunden Wettkampf müssen die letzten Reserven mobilisiert werden. Im vergangenen Jahr hatte es geklappt, Bredl war als Junioren-Weltmeister in sein Heimatdorf zurückgekehrt. Doch in dieser Saison lief nicht alles nach Plan: Gleich zu Beginn setzte ihn eine Viruserkrankung für zwei Wochen außer Gefecht.

Solche Ausfälle fürchten Profi-Langläufer wie der Teufel das Weihwasser. Denn wer nicht hundertprozentig gesund ist, hat kaum Chancen auf finanzielle Förderung. Und ohne die läuft in einer Sportart, in der über Jahre sommers wie winters trainiert werden muss, um ganz vorne in der Weltspitze mitlaufen zu können, gar nichts. "Wer sein Geld regulär verdienen muss, hat in einer Ausdauer-Sportart wie dem Langlauf keine Chance", erklärt Herbert Maier, der das Ski-Team beim Zoll als Trainer betreut.

Neben Maiers Arbeitgeber kümmern sich in Deutschland vor allem die Bundeswehr und der Bundesgrenzschutz (BGS) um den Langlauf-Nachwuchs. Von den 158 Sportlern der deutschen Olympia-Mannschaft von Salt Lake City sind 68 bei den drei Organisationen beschäftigt. Dabei hat der Staat erst in der jüngsten Vergangenheit seinen Etat für die Förderung des Spitzensports wieder aufgestockt: 197,2 Millionen Euro kann der Bund in diesem Jahr dafür ausgeben. Zum Vergleich: 1995 hatte das Finanzministerium nur 107 Millionen Euro für sportliche Höchstleistungen übrig.

Selbst Bredl, der immer sportliche Erfolge vorweisen konnte, bangte seit seinem Schulabschluss ständig um ausreichende Förderung. 1998 und 1999 hatte er sich bei der Sportschule des BGS beworben, doch im ersten Jahr ergatterte ein etwas älterer Sportler den freien Platz und im zweiten fiel er durch den Aufnahmetest, weil der Prüfer mit dem Vorstellungsgespräch nicht zufrieden war. Der Nachwuchs-Sportler trat deshalb zunächst seinen Grundwehrdienst in der Sportfördergruppe der Bundeswehr an. Erfolge wie der Weltmeistertitel bewiesen sein Talent.

Bredls Zukunft als Berufssoldat schien gesichert, bis seine Vorgesetzten ihm kurz vor Ende seiner regulären Dienstzeit mitteilten, dass die Skifördergruppe ihn nicht aufnehmen werde. Stattdessen sollte er in den Ski-Zug, eine Abteilung, in der neben dem Sport regulärer Dienst geleistet werden muss. "Es begann ein unerträgliches Hickhack um meine Person, eine ewige Telefoniererei zwischen meinen Trainern und der Bundeswehr", erinnert sich der Langläufer. Denn wer nur einmal die erwartete Leistung nicht bringe, falle sofort aus der Förderung heraus.

Zoll-Mann Maier hörte zufällig von Bredls Problemen und bot dem Nachwuchstalent einen Platz in seinem Ski-Team an, dessen 25 Mitglieder keinen regulären Dienst leisten müssen. "Der Leistungsdruck hält sich in Grenzen. Ich bleibe in der Skimannschaft, auch wenn ich für zwei oder drei Jahre weniger Leistung bringe", sagt Bredl. Und falls die sportlichen Erfolge einmal ganz ausbleiben, steht er auf der sicheren Seite: Sein Vertrag ist unbefristet, nach seiner Zeit als Profi-Sportler ist ihm eine Stelle als Zollbeamter sicher.

Auf die freie Wirtschaft können Nachwuchs-Langläufer kaum zählen. Den Schriftzug ihrer privaten Sponsoren dürfen die Läufer des Nationalteams nur auf Mützen oder Stirnbänder drucken lassen. Der Ski-Anzug ist dagegen für den Team-Sponsor Buderus und die Gesamtsponsoren des Deutschen Ski-Verbandes, Audi und Adidas, reserviert. Erlöse aus diesen Sponsorships werden nicht an die Sportler direkt verteilt, sondern vom DSV zentral verwaltet. Bredls Kopfsponsor Nanogate Coating Systems, der das Flüssig-Skiwachs Cerax herstellt, zahlt immerhin die Leasing-Raten für seinen Wagen. "Einer unserer Weltcup-Techniker hat Bredl vor zwei Jahren entdeckt", erinnert sich Produktmanager Dieter Möller. Seine Firma setze bewusst auf jüngere Sportler, um ihre Produkte bekannter zu machen.

Doch Bredl ist eher eine Ausnahme: "Die meisten Langläufer verfügen nicht einmal über einen Kopfsponsor", erklärt er. Sein Sport sei eben immer noch zu unattraktiv für die Werbewirtschaft. Zwar holten deutsche Langläufer bei den Winterspielen in Salt Lake City völlig überraschend vier Medaillen, doch zuvor waren sie olympischem Edelmetall 22 Jahre lang vergeblich hinterhergelaufen.

Nachwuchs-Talente wie Bredl hoffen, dass sich die Trainingsbedingungen nach den jüngsten Erfolgen weiter verbessern werden. Doch für den Sprung an die Spitze brauchen Langläufer einen langen Atem. Peter Schlickenrieder, der in Utah im 1,5-Kilometer-Sprint seine erste Olympia-Medaille holte, ist immerhin schon 32. Wer sich bis zu diesem Alter ganz auf das Training konzentriert, hat es - wenn der sportliche Durchbruch doch nicht gelingt - auf dem regulären Arbeitsmarkt sehr schwer. Die Sportfördergruppen bei Bundeswehr, Bundesgrenzschutz und Zoll sind deshalb für viele Sportler der einzige Rettungsanker. Johannes Bredl ist im Zoll-Team weiter aufgeblüht, auch in diesem Jahr wurde er Junioren-Weltmeister. Ein Platz im Herren-Nationalteam ist ihm damit für 2003 schon sicher.

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