Nächste Woche Zinsentscheid der US-Notenbank
Der Fed geht die Munition aus

Die US-Notenbank (Fed) steht in der nächsten Woche vor einer schwierigen Weichenstellung. Offensichtlich weiß der der Markt nicht so Recht, worauf er sich einstellen und was er sich wünschen soll.

Reuters/ vwd FRANKFURT. Senkt sie die Zinsen, riskiert sie an den Aktienbörsen Panik-Verkäufe, da dies ein Signal für eine bevorstehende Rezession sein könnte. Senkt die Fed die Zinsen aber nicht, riskiert sie, dass die größte Volkswirtschaft der Welt ohne Hilfe erneut in eine Rezession schliddert. Fragt man Analysten oder Händler, ob sie eine Senkung der Zinsen erwarten, überwiegt eindeutig ein "Nein". Fragt man aber nach, so werden die meisten schon unsicherer. Egal wie sich die Fed am Ende entscheidet, wie schließlich die Anleger und die Märkte reagieren, scheint offener denn je zu sein.

Der Offenmarktausschuss (FOMC) der Fed tritt am Dienstag zu seiner regulären Sitzung zusammen. Die Entscheidung wird üblicherweise um 20.15 Uhr MESZ - also knapp zwei Stunden vor Börsenschluss in New York und 15 Minuten nach dem Ende des Aktienhandels in Deutschland bekannt gegeben. 17 der von Reuters Mitte dieser Woche befragten 21 Primärhändler, Händler die am Rentenmarkt direkt mit der Fed arbeiten, gehen davon aus, dass die Notenbank die Zinsen bis zum Jahresende mit 1,75 % unverändert auf dem niedrigsten Niveau seit 40 Jahren belassen wird. Nur vier Händler gaben an, noch vor Jahresende eine Senkung zu erwarten. Mitte Juli waren noch neun der befragten Händler von einer Anhebung der Zinsen im laufenden Jahr ausgegangen. Die Fed hat seit dem 11. Dezember 2001 die Zinsen unverändert gelassen.

Analysten: Der Fed geht die Munition aus

Für die Fed und ihren inzwischen zum Ritter ihrer Majestät der Königin von England avancierten Chef Alan Greenspan steht viel auf dem Spiel: denn schon fragen sich einige Analysten, ob der Notenbank nicht allmählich die Munition ausgehe. Immerhin hat die dramatische Herunterführung der Zinsen im vergangenen Jahr um 475 Basispunkte in elf Schritten bisher ja noch nicht den gewünschten Effekt gehabt.

Zwar wuchs die US-Wirtschaft im vierten Quartal 2001 auf Jahresrate hochgerechnet um 1,7 % und im ersten Quartal 2002 nach vorläufigen Berechnungen um 5 % recht deutlich. Doch schon im zweiten Quartal hat die Wirtschaft nach einer ersten Schätzung des Handelsministeriums von Ende Juli so stark an Fahrt verloren, dass sich auf das Jahr hochgerechnet beim Bruttoinlandsprodukt nur noch ein Plus von 1,1 % ergibt. Freilich ist dies nur eine vorläufige Schätzung - doch der Trend zeigt nach Einschätzung von Analysten nach unten.

Im Jahr 2001 war die US-Wirtschaft in den ersten neun Monaten geschrumpft. Volkswirte sprechen üblicherweise nach zwei Quartalen mit einem sinkenden Bruttoinlandsprodukt von einer Rezession. Sollte nach einer so kurzen Erholung die Leistung der US-Volkswirtschaft nun schon wieder schrumpfen, bliebe dies für die gesamte Weltwirtschaft nicht ohne Folgen. Die Furcht vor einer solchen "Double-Dip"-Rezession, wie Analysten eine solche wirtschaftliche Entwicklung getauft haben, hatte in den vergangenen Tagen die Börsen weltweit stark belastet. Händler und einige Analysten hatten sich daher ausgemalt, dass die Fed mit einer neuerlichen Zinssenkung dem vorbeugen könnte.

Über Wirkung uneins

Von der Inflationsfront hat die Fed keinen Druck zu befürchten, wie die jüngsten Statistiken zu den Erzeugerpreisen in dieser Woche belegten. Doch auch diese für ein Zinssenkungs-Szenario positive Zahl wurde an den Märkte zwiespältig aufgenommen. Einige Analysten erinnerten an die Lage in Japan, wo auch eine De-Facto-Nullzinspolitik die Wirtschaft nicht nachhaltig belebte.

Die Einschätzung über die Folgen einer Zinssenkung sind im Handel und in den Analyseabteilungen der Banken denn auch durchaus unterschiedlich. Während einige im Sog einer Zinssenkung beispielsweise mit steigenden Aktienkursen an der Wall Street und einem höheren Dollarkurs rechnen, sind andere skeptisch. Schließlich wäre eine solche Entscheidung das Eingeständnis, dass die US-Wirtschaft noch mehr Hilfe braucht als sie bisher schon bekommen hat. "Und wer sagt, dass das dann wirklich hilft", ist im Devisenhandel zu hören.

Einige Analysten sind derweil der Ansicht, dass auch die Europäische Zentralbank (EZB) um eine Zinssenkung nicht herumkommen wird, falls die Fed tatsächlich die Zinsschraube lockern sollte. Erst in dieser Woche war die EZB in ihrem Monatsbericht von einer baldigen Zinserhöhung abgerückt. In ihrem Monatsbericht signalisierten Europas Währungshüter laut Analysten zugleich aber auch, dass sie vorerst die Zinsen auch nicht senken wollen.

Morgan Stanley: Fed senkt Leitzinsen

Nach Einschätzung der Fed-Watcher von Morgan Stanley wird die US-Notenbank am kommenden Dienstag die Leitzinsen senken. Angesichts der schwachen Konjunktur und der schlechten Lage an den Finanzmärkten gehen die beiden Morgan Stanley-Analysten Richard Berner und David Greenlaw sogar davon aus, dass die Fed den Zielsatz für die Funds Rate um 50 Basispunkte auf 1,25 Prozent herunter nehmen wird. Die Fed werde mit solch einem Schritt versuchen, eine "double dip"-Rezession in den USA zu verhindern.

Die Morgan Stanley-Analysten reihen sich damit in eine kleine, aber feine Gruppe von Häusern ein, die zuletzt eine Fed-Zinssenkung prognostiziert haben. So erwartet auch Goldman Sachs, dass die US-Notenbank die Fed Funds Rate in diesem Jahr noch auf 1 % senken wird. Deutsche Bank in New York will ähnlich wie Morgan Stanley nicht ausschließen, dass schon am Dienstag ein Zinsschritt um 50 Basispunkte nach unten erfolgt. Die Mehrheit der Primärhändler im direkten Anleihengeschäft mit der Fed erwartet hingegen bis Jahresende weiterhin unveränderte Leitzinsen. Skeptiker in diesen Reihen meinen zudem, dass eine Zinssenkung zum jetzigen Zeitpunkt als Panik der Notenbank interpretiert werden könnte. Dadurch würde noch mehr Volatilität an den Finanzmärkten geschaffen, was in der jetzigen Situation nicht wünschenswert sei.

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