Nächtliche Verhandlungen
Weiterbildung wird erstmals tariflich geregelt

Im Metall-Tarifstreit um den Anspruch auf Weiterbildung gelang in der Nacht der Durchbruch. Gewerkschaft und Arbeitgeber einigten sich darauf, dass Beschäftigte demnächst auf Qualifizierung pochen können.

ap BÖBLINGEN. In der deutschen Metallindustrie ist erstmals ein tariflich verankerter Anspruch auf Weiterbildung vereinbart worden. Arbeitgeber und Gewerkschaft einigten sich in der Nacht zum Dienstag in Böblingen auf einen entsprechenden Vertrag für die 820 000 Beschäftigten in der baden-württembergischen Metallindustrie. Die IG Metall und der Arbeitgeberverband Südwestmetall einigten sich darin unter anderem auf möglichst jährlich stattfindende Personalentwicklungsgespräche in den Unternehmen.

Nach Angaben eines Gewerkschaftssprechers sollen bei diesen Personalgesprächen mit dem jeweiligen Mitarbeiter Qualifizierungsmaßnahmen erörtert werden, die für seine Arbeit im Betrieb förderlich sind. Für die Weiterbildung wird der Arbeitnehmer freigestellt, die Kosten übernimmt der Arbeitgeber.

IG-Metall-Bezirksleiter Berthold Huber begrüßte die Einigung. "Wenn man sich bewegt, kann man etwas erreichen", sagte er. In den vergangenen drei Wochen hatten sich rund 200 000 Metaller in Baden-Württemberg an Warnstreiks beteiligt. Der Verhandlungsführer der Arbeitgeber, Otmar Zwiebelhofer, sagte, es sei sehr hart gerungen worden, jedoch sei die Atmosphäre von Fairness geprägt gewesen. "Wir stehen zu diesem Abschluss", erklärte der Vorsitzende von Südwestmetall. Es sei richtig, einen Beitrag zur weiteren Qualifizierung "unserer hochwertigen Mitarbeiter" zu leisten.

Nach dem vereinbarten Tarifvertrag kann die Weiterbildung im Betrieb oder auch extern erfolgen. Besondere Programme werden für an- und ungelernte Kräfte sowie ältere Arbeitnehmer entwickelt. Von den 820 000 Metallbeschäftigten in Baden-Württemberg sind den Angaben zufolge rund 35 % an- und ungelernte Kräfte.

Gewerkschaftssprecher Frank Stroh sagte, wenn der Arbeitnehmer nicht zufrieden sei, könne er eine paritätisch von Arbeitnehmern und Arbeitgebern besetzte Kommission zur Schlichtung anrufen. Ein neues Element der Tarifpolitik ist den Angaben zufolge die Einigung auf die gemeinsame Schaffung einer Qualifizierungsagentur. Die Kosten sollen vom Arbeitgeberverband und der Gewerkschaft getragen werden.



Zwtl: Arbeitgeber sehen auch Hilfe für kleinere Betriebe



Die Qualifizierungsagentur setze einen neuen Standard in der Tarifpolitik, sagte auch Arbeitgeberchef Zwiebelhofer. Sie werde vor allem kleineren und mittleren Betrieben helfen, ihre Mitarbeiter für die steigenden Anforderungen des rasanten technischen Wandels fit zu halten. Für den Fall, dass zwischen Vorgesetztem und Mitarbeiter und später zwischen Arbeitgeber und Betriebsrat kein Einvernehmen über eine Qualifizierung erzielt werden könne, sei ein Vertreter der Agentur mit Stimmrecht hinzuzuziehen. Zwiebelhofer sagte, damit sei die von der IG Metall geforderte Einigungsstelle abgewehrt worden.

Die Tarifkommission der IG Metall wollte noch am Dienstag über das Ergebnis der Verhandlungen beraten. Der Tarifvertrag soll zum 1. September in Kraft treten. Mit ihrer Forderung nach Mitsprache bei der Leistungsfestsetzung konnte sich die IG Metall nicht durchsetzen. Stroh sagte, dieses Thema stehe weiter auf der Tagesordnung. Die Erklärungsfrist der beiden Tarifvertragsparteien zur Annahme der Vereinbarung läuft bis zum 12. Juli. Baden-Württemberg war der bisher einzige Tarifbezirk in der westdeutschen Metall- und Elektroindustrie, in dem über Weiterbildung verhandelt wurde. Die Gespräche liefen seit Anfang April.



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