Nähe wird zu groß
Stolperfalle Du

Obwohl Duzen in Unternehmen üblich ist, zeigt die Handelsblatt-Umfrage: Viele Mitarbeiter befürchten, dass dadurch die Hierarchien verloren gehen.

Die Bürotür öffnet sich, Kreativdirektorin Petra Hache ist sichtbar aufgeregt. Dem Satz "Claudia, kommst Du mal bitte" folgt ein unangenehmes Gespräch. Unangenehm für beide Beteiligten, denn es geht um eine verpfuschte Werbekampagne. Noch unangenehmer, weil Chefin und Untergebene sich duzen. Konflikte, davon sind sechs von zehn Handelsblatt-Lesern überzeugt, lassen sich per "Sie" leichter austragen. Das hat die Umfrage ergeben, die Karriere und Management bei den Lesern zum Thema "Das Du im Büro - intim im Team?" durchführte.

Das "Du" ist in deutschen Unternehmen auf dem Vormarsch. Während es in den siebziger Jahren noch undenkbar schien, dass Kollegen ihre Vorgesetzten duzen, ist das gegenseitige Du in vielen Unternehmen heute Alltag. Nicht nur bei kleinen Startups wird der Chef völlig normal als Dieter oder Norbert angeredet, auch in großen Unternehmen wie SAP, Nokia oder Ikea gehört das Du zur Firmenkultur.

"Gerade in kreativen Branchen ist das Du selbstverständlich geworden", sagt Johannes Röhr, Geschäftsführer der Hamburger Werbeagentur KNSK, BBDO. Kritik zu äußern wird auf einer solchen Basis zwar schwieriger, aber, so Röhr: "Es funktioniert, wenn Sie trotz des Du die Distanz aufrecht erhalten."

Dutz-Anordnung stößt selten auf Gegenliebe

Doch gerade das gelingt nicht so leicht. Mehr als die Hälfte (65 Prozent) der Leser sind der Überzeugung, dass das Duzen zu viel Nähe schafft. Führungskräfte haben mit der formlosen Anrede noch mehr Probleme als ihre Mitarbeiter. Im mittleren Management empfinden sieben von zehn Befragten das Du als zu nah, im oberen Management sind es sogar 76 Prozent.

Trotzdem gibt es einige Unternehmen, die ihren Mitarbeitern vorschreiben, sich untereinander, aber auch ihre Chefs zu duzen. Auf Gegenliebe bei ihren Mitarbeitern stößt die Unternehmensleitung damit selten: 97 Prozent der Mitarbeiter wollen sich das Du nicht aufzwingen lassen.

Auch in den Führungsetagen wird eine Unternehmenskultur mit allgemeinem Du kritisch beäugt: Die Angehörigen des mittleren Management lehnen das erzwungene Du weitgehend ab (96 Prozent), bei den Befragten aus dem oberen Management haben sich sogar alle gegen ein angeordnetes Du ausgesprochen.

Das Du untergräbt hierarchische Strukturen

Das Du, so das Credo vieler Leser, lässt sich nicht einfach aus der amerikanischen Kultur auf Deutschland übertragen. Unternehmen, die durch allgemeines Duzen moderner, jünger und dynamischer scheinen wollen, hätten bei der ersten Krise ein Problem. Denn während in Amerika trotz der freundschaftlichen Anrede strenge Hierarchien herrschen, würde, so die Meinung unserer Leser, in Deutschland das Du gerade diese Hierarchie-Strukturen untergraben. Sie haben schlechte Erfahrungen mit dem Du, weil "die Distanz verloren geht", weil "Macht- und Abhängigkeitsverhältnisse verschleiert werden" und "Hierarchien nicht mehr funktionieren".

Dass Du und Sie für funktionierende Hierarchien nötig sind, glaubt die Hälfte der Befragten (51 Prozent). Allerdings ändert sich die Sichtweise, je höher der einzelne auf der Karriereleiter vorangekommen sind. Im mittleren Management haben schon 54 Prozent der Umfrage-Teilnehmer das Gefühl, dass die Hierarchie unter dem allgemeinen Du leidet. Im oberen Management sind es bereits sieben von zehn Führungskräften, die so denken.

Doch auch ohne offizielle Anordnung sorgt das Du für Probleme. Was, wenn nur einige sich duzen, andere nicht? Einfach mitduzen? So einfach ist es nicht, glauben acht von zehn Karriere-Lesern. Ein Du sollte nicht automatisch für alle gelten. Sprich: Es muss angeboten werden. Doch da hat noch immer der Freiherr von Knigge ein Wörtchen mitzureden: Vorgesetzte bieten es ihren Untergebenen an, ältere den jüngeren Kollegen.

Das Du darf man auch ablehnen

Solche Regeln haben an Gewicht verloren: Vier von zehn Mitarbeitern nehmen es mit der Förmlichkeit nicht mehr so genau und überlassen es jedem Einzelnen, das Du anzubieten. Im mittleren und oberen Management wären 65 Prozent aller Führungskräfte beleidigt, würde ihnen ein Untergebener das Du anbieten. Die übrigen sehen das eher locker.

Selbstverständlich darf man das angebotene Du auch ablehnen. Das jedenfalls finden neun von zehn Befragten und alle Führungskräfte aus dem obersten Management.

Dass das "Sie" den Eindruck von Kompetenz vermittelt, glauben erstaunlicherweise hauptsächlich Angehörige des mittleren Management (38 Prozent). Insgesamt meinen dies nur 26 Prozent der Befragten. Und das obere Management setzt eher auf Sein als Schein: Neun von zehn Managern machen die Kompetenzvermutung nicht von der Anrede abhängig.

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