Naher Osten
Report: „Niemand lebt ewig“

Sie sind Feinde seit Jahrzehnten. Jetzt will Scharon seine zweite Chance nutzen, Arafat die Macht zu entreißen. Während sich der israelische Premier unter seine Offiziere begibt, harrt der Palästinenserchef isoliert in seiner Residenz aus. Aber noch ist er nicht geschlagen.

JERUSALEM. Per Helikopter fliegt Ariel Scharon an diesem windigen und stürmischen Tag Richtung Front. Hier, in der Nähe des Städtchens Kalkilya, steht die Division, die soeben einen wichtigen Abschnitt des Westjordanlandes erobert hat. Scharon trägt Freizeitjacke, sein Hemdkragen steht offen; der Premier setzt sich in die Kantine der Kaserne, er hört zu. Nacheinander treten Offiziere vor, oft unrasiert, gerade zurück von den Kämpfen.

Was die Soldaten sagen, gefällt dem schweren Mann. Beim Einmarsch ins Westjordanland hat es bisher kaum Probleme gegeben. Bethlehem, wo auch am Mittwoch geschossen wird, ist die Ausnahme. Auch die Mobilmachung war ein durchschlagender Erfolg. "Die Motivation ist hoch, niemand verweigert den Dienst", rapportiert ein Major. "Unabhängig von ihrer politischen Gesinnung verstehen die Soldaten eben das Problem, mit dem Israel konfrontiert ist", meint ein anderer Major. "Endlich sind uns die Hände nicht mehr gebunden", bedankt sich ein Offizier bei Scharon für den Marschbefehl.

Scharon steht auf und spricht, ruhig, trocken. "Seit 1948 ist dies eine der schwierigsten Perioden, die wir erlebt haben", wendet sich der Premier an die Offiziere. Er redet vom Terror, der allein in den letzten vier Wochen 100 Todesopfer unter den Israelis gefordert hat. Und er redet von Arafat. Der Palästinenserpräsident sei der Kopf des palästinensischen Terrors.

Mit dem Angriff auf Ramallah, auf Arafats Residenz, erlebt eine alte Fehde eine Renaissance. Bereits vor zwanzig Jahren belagerte der damalige Verteidigungsminister Ariel Scharon PLO-Chef Jassir Arafat in Beirut. Nur auf amerikanischen Druck hin ließ er ihn am Leben, wie er kürzlich in einem Interview sagte. Jetzt, verkündet er seinen Offizieren, wäre er froh, wenn ein Drittland Arafat Asyl anbieten würde.

Scharon hat klären lassen, ob arabische oder europäische Regierungen bereit wären, den Palästinenserführer aufzunehmen. Wer immer Arafat im Hubschrauber abholt, muss wissen, dass es für den Palästinenserführer kein Zurück gibt: "Ich werde ihm bloß ein One-Way-Ticket zugestehen."

Mit wem er denn nach der Verbannung Arafats verhandeln wolle, will einer aus dem Publikum wissen. Der Premier antwortet lakonisch: Jeder halte sich fälschlicherweise für unersetzlich. Auch für das Erbe Arafats werde sich eine Lösung finden. Zudem würde sich auch ohne Verbannung das Nachfolgeproblem stellen: "Schließlich lebt niemand ewig." Zunächst will Scharon den Terror ausrotten. "Das ist jetzt eure Aufgabe", sagt er den Offizieren und fügt hinzu: "Über die Zukunft diskutieren wir derzeit nicht."

So bleibt Arafat in seinen Amtsräumen in Ramallah eingesperrt. Das Gebäude trägt Geschossnarben. Drinnen stehen schon israelische Soldaten, heißt es. Seit Israel Ramallah zum militärischen Sperrgebiet erklärt hat, ist Arafats Kontakt zur Außenwelt praktisch unterbrochen. Nur ausnahmsweise sickert ein Lagebericht von engen Vertrauten durch, die sich mit ihm solidarisieren und sich bei ihm aufhalten. "Die Medikamente gehen aus", sagen sie. "Wasser wird knapp." Nachprüfen lässt es sich nicht.

Die bisher letzten Bilder von Arafat zeigen einen alten Mann, der den TV-Teams seine Entschlossenheit mit einem auf dem Tisch drapierten Revolver demonstriert. Ein Telefoninterview mit der CNN-Chefreporterin Amanpour unterbricht er zornig, als sie ihn fragt, ob und wie er gegen den Terror vorgehen wolle. Zu Beginn dieser Woche lässt er sich im Kerzenlicht filmen. Das sei reine Propaganda, versichert Scharon den Offizieren: "Wir versorgen ihn ja mit Strom."

Natürlich machen sich die alten Feinde gegenseitig für das Scheitern des Friedensprozesses verantwortlich. "Der israelische Premierminister", sagte Arafat, 72, im Januar gegenüber einer israelischen Friedensgruppe, "zerstörte alle Abkommen, die ich mit meinem mutigen Friedenspartner Rabin unterschrieben habe". Der "Terrorist Arafat ist kein Partner für Verhandlungen", meint hingegen Scharon, 73.

Beide sind nicht ohne Schuld, zeigt ein Blick in die Geschichte. Arafat hat seinem Volk die Rückkehr nach Palästina und Jerusalem als Hauptstadt versprochen, obwohl er wissen musste, dass sich diese Forderung in Israel nicht durchsetzen lässt.

Scharon wehrt sich seinerseits seit 25 Jahren gegen den Ausgleich mit den arabischen Nachbarn. So opponierte er gegen den Friedensvertrag mit Ägypten (1978), lehnte die Osloer Verträge von 1993 ab, kritisierte den Handschlag Rabins mit Arafat und wetterte gegen den Friedensvertrag mit Jordanien. Immer vertrat er die Überzeugung, dass die Heimat der Palästinenser nicht im Westjordanland, sondern auf der anderen Seite des Jordans, im Haschemitischen Königreich, liege. Um irreversible Tatsachen zu schaffen, ließ er in den besetzten Gebieten neue Siedlungen bauen. Das taten andere Minister auch - aber Scharon war der einzige, der damit prahlte.

Heute gibt sich Scharon siegessicher. Arafat scheint am Ende. Doch schon in der Vergangenheit ist es dem Palästinenserführer immer wieder gelungen, sich aus Fallen zu befreien. Er hat Anschläge auf sein Leben überlebt und ging unversehrt aus einem Flugzeugabsturz hervor. Nach der Vertreibung aus Jordanien ("Schwarzer September") baute er im Libanon einen neuen Stützpunkt auf. Nachdem ihn Scharon aus Beirut verjagt hatte, etablierte er in Tunis eine Exilregierung.

Als Arafat dem Friedensvertrag von Oslo zustimmte, ging es ihm möglicherweise nicht nur um den Ausgleich mit Israel. Weil er während des Golfkriegs auf die falsche Karte gesetzt hatte, war er ab 1991 isoliert und finanziell ruiniert. Der Handschlag mit Rabin bot ihm einen Ausweg. Er öffnete ihm die Tür ins Weiße Haus, ließ neue Geldmittel fließen und sicherte ihm einen respektierten Status bei seinem Volk. Als Arafat im Jahre 2000 die zweite Intifada lancierte, machte er aber bis auf weiteres die Chance auf einen eigenen Staat zunichte.

Um Arafat endgültig zu besiegen, hat Scharon 20 000 Reservisten mobilisiert. Trotzdem ist nicht klar, was der Premier meint, wenn er von "Sieg" spricht. Terrorismusexperten halten wenig von der Idee, mit der Armee Leute besiegen zu wollen, die als Selbstmörder enden wollen. Zudem warnt der Sicherheitschef des Gazastreifens, Dahlan: "Wenn Scharon Arafat und uns in die Hölle nehmen will, kann ich ihm eines versichern: Wir werden Scharon mitnehmen."

Der Premier scheint unbeeindruckt, auch von den antiisraelischen Massendemonstrationen in der arabischen Welt. Sie scheinen ihn nur in seiner Strategie zu bestärken, sagt er doch vor der Division: "Wenn wir bei uns keine Ruhe haben, wird es in dieser Region weder Stabilität noch Frieden geben."

Dann verabschiedet er sich von den Offizieren. Viele kennt er aus seiner Militärkarriere und klopft ihnen leutselig auf die Schulter. Der Helikopter wartet und fliegt ihn zurück nach Jerusalem.

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