Nahezu unlösbare Aufgaben für Firmen, die im WTC untergebracht waren
"Our Little Big Firm"

In der Nacht von Dienstag auf Mittwoch der vergangenen Woche, einige Stunden also nach dem Anschlag auf das World Trade Center in New York, sitzt Jimmy Dunne III. zu Hause in seinem Büro. Er arbeitet für die kleine New Yorker Investmentbank Sandler O Neill & Partners, die in einem der oberen Stockwerke des World Trade Centers einen Teil ihrer Büros hatte. In den Stunden nach dem Anschlag erhält Dunne über 150 Anrufe und Tausende von E-Mails.

wsj/HB NEW YORK. Einer der Anrufer meldet sich erst mitten in der Nacht. Zuerst glaubt Dunne, es handle sich um einen Angehörigen, der sich nach einem vermissten Mitarbeiter erkundigen will. Doch der Mann aus dem Mittleren Westen ruft nur an, um Dunne sein Mitgefühl zu bekunden. Und dann sagt er noch: "Wir müssen Amerika jetzt zeigen, dass wir diesen Terroranschlag überleben. Und für Sie ist es jetzt das Wichtigste, dass Sie die Firma retten."

Mehr als ein Drittel der Angestellten ist tot


Genau das versucht Dunne, 44, der durch die Tragödie über Nacht zum Chef wurde. Der Investmentbanker betreibt derzeit nahezu rund um die Uhr Krisenmanagement. Mehr als ein Drittel der 177 Angestellten ist entweder tot oder vermisst, darunter auch der bisherige Boss, Herman Sandler, 57, der das Investmenthaus 1988 mitgegründet hatte.

Sandler O Neill ist eines von unzähligen Unternehmen, dessen Firmensitz im gewaltigen World Trade Center durch den Terroranschlag zerstört wurde und das zahlreiche Angestellte verloren hat. Auch die Brokerhäuser Cantor Fitzgerald und Keefe Bruyette & Woods hat es hart getroffen. Doch gerade die kleine, überschaubare Mitarbeiterzahl bei Sandler und die familiäre Atmosphäre machen den Verlust der 67 Mitarbeiter besonders schmerzlich.

"Das Schlimmste, was einer Firma passieren kann"


Aber es ist auch genau dieser Umstand, der die überlebenden Angestellten darin bestärkt, nun nicht aufzugeben, sondern weiterzumachen. Sie müssen jetzt nicht nur ohne ihren Firmengründer auskommen, sondern auch auf neun der insgesamt 28 Partner verzichten, darunter auch Chris Quackenbush, der das Investment-Banking verantwortete.

"Was uns zugestoßen ist, das ist das Schlimmste, was einer Firma überhaupt passieren kann", sagt Dunne. Inzwischen sind seine Leute in ein Gebäude nach Midtown Manhattan umgezogen. Einen Teil der Büros, die sie bis auf weiteres nutzen, haben die Bank of America und die North Fork Bancorp. zur Verfügung gestellt. Hilfe beim Wiederaufbau erhalten sie zudem von vielen anderen Wall-Street - Firmen. Drei Bankhäuser, Trident Securities, Spear Leeds & Kellogg und die Friedman Billings Ramsay Group, haben für Sandler einen Teil des Wertpapierhandels übernommen. Die Kommissionen aber fließen weiter Sandler zu. "Das machen wir so lange wie nötig", sagt der Leiter des Equity Trading bei Trident, David Pulliam. "Normalerweise konkurrieren wir mit Sandler", erklärt er. "Aber in diesen Tagen überwiegt unser Respekt. Wir wollen, dass sie so schnell wie möglich wieder auf die Beine kommen."

Ungewöhnliche Kameradschaft


Die meisten Konkurrenten von der Wall Street zeigen in diesen Tagen eine ungewöhnliche Kameradschaft und Großzügigkeit gegenüber Sandler. Die Mitarbeiter sind dankbar, und doch haben sie auch ihren eigenen Stolz nicht verloren. Das heißt: Sie wollen die Großzügigkeit der anderen nicht überstrapazieren, stattdessen wollen sie aus eigenem Antrieb wieder hochkommen; die familiäre Firmenkultur könnte dabei helfen.

Ein Senior Partner von Sandler, Jon Doyle, befand sich an jenem schwarzen Dienstag gerade in Boston bei einem Kunden. Über eine Konferenzschaltung hörte er einen eingeschlossenen Mitarbeiter im World Trade Center und erlebte so die letzten Sekunden im Leben des Kollegen Frank Salvaterra mit, der noch sagte: "Das war s."

Schweigeminute für die vermissten Mitarbeiter


Mittwoch früh hielt das Management die erste Telefonkonferenz nach der Tragödie ab. Sie begann mit einer Schweigeminute, dann wurden die Namen der Mitarbeiter verlesen, die vermisst wurden. Seit diesem Tag haben Doyle und Dunne eine nahezu unlösbare Aufgabe zu bewältigen: Sie müssen den Angestellten und Familien in ihrer Trauer um die Toten beistehen und gleichzeitig die Firma wieder aufbauen. Das Management hat die Angehörigen der Vermissten aufgefordert, einige persönliche Gegenstände ins St.-Regis-Hotel in New York zu bringen, wo sich alle regelmäßig treffen. Die Gegenstände sollen bei der DNA-Identifizierung der Opfer helfen.

In einem zweiten Büro von Sandler in Midtown, das nicht beschädigt wurde, hängt an einer Wand ein Plakat, auf dem steht: "Our Little Big Firm". Es erinnert an einen Spruch, den Dunne in der Anfangszeit der Firma Ende der achtziger Jahre öfter gebrauchte. Damals arbeiteten bei Sandler erst sechs Mitarbeiter in einem kleinen Büro in Downtown Manhattan. Als die Firma dann erste Erfolge hatte und expandierte, bezogen sie neue Räume auf der Top-Etage des World Trade Centers. Das war Anfang 1993 - genau vier Tage bevor Terroristen erstmals eine Bombe in dem Gebäude zündeten.

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