Nahost
Gleichschaltung im Namen Allahs

Im Bruderkrieg der Palästinenser setzt die Hamas den Koran rigide durch. Der Westen zeigt sich durch die Islamisierung besorgt und hofft auf die Fatah. Gleichzeitig entwickelt sich das politische Dilemma mehr und mehr zu einem humanitären Notfall.

TEL AVIV. Die ausgelassene Stimmung bei der Hochzeitsfeier im nördlichen Gaza-Streifen wird jäh unterbrochen. Hamas-Truppen brechen das Fest brutal ab. Das Brautpaar und die zahlreichen geladenen Gäste suchen in einem der umliegenden Gebäude Schutz. Die Polizei begründet ihr Eingreifen mit "Ruhestörung": Die Hochzeitsgesellschaft sei zu laut gewesen. Doch bald wird klar, worum es den neuen Hütern des Gesetzes wirklich geht: Sie nehmen mindestens zehn Fatah-Mitglieder fest und führen sie zum Verhör ab. "Die Hamas macht eine Hexenjagd auf Fatah-Mitglieder und foltert sie, um von ihnen Geständnisse zu erpressen", kommentiert ein palästinensischer Diplomat.

Die Hamas, die vor vier Wochen Sicherheitskräfte von Palästinenser-Präsident Mahmoud Abbas aus dem Gaza-Streifen vertrieben hat, duldet weder Kritik noch Widerspruch. Sie versucht jetzt, der Fatah im Gaza-Streifen den Garaus zu machen. Ein Arzt, der die Fatah unterstützt, wurde mit seinem 18-jährigen Sohn von der Hamas entführt, weil er die Knappheit in den Spitälern gerügt hatte. Zeitungen, die den Hamas-Kurs nicht vorbehaltlos gutheißen, dürfen nicht verkauft werden. Und als gestern einige Hundert Palästinenser in Gaza für Meinungsfreiheit demonstrieren wollten, griffen die schwarz gekleideten Soldaten der "Executive Force", die Streitkraft der Hamas, mit Schlagstöcken und Gewehrkolben ein. Jetzt hat die Hamas alle Kundgebungen verboten - auch Hochzeiten brauchen die Zustimmung der neuen Machthaber.

Unter der Fuchtel der radikal-islamischen Bewegung befürchten viele Palästinenser, werde sich Gaza in einen Landstrich gleichgeschalteter Gläubiger verwandeln. Die ersten Schritte seien getan: Statt des bisher gültigen gregorianischen Kalenders will die Hamas den islamischen Kalender einführen. Der Koran wird zum Maß aller Dinge: Gefangene, die Suren aufsagen können, werden vorzeitig aus dem Gefängnis entlassen.

Die Islamisierung der Gesellschaft stößt zwar in Gaza auf Kritik. Aber der Zorn der Palästinenser richtet sich vor allem gegen Israel, die USA und die EU, weil sie die Hamas boykottieren. Der Westen verlangt von der Hamas, der Gewalt abzuschwören. Weil die Hamas dazu nicht bereit ist, wird Gaza mehr und mehr zum unlösbaren Sozialfall. Israel lässt zwar Grundnahrungsmittel nach Gaza einführen, weil es eine humanitäre Katastrophe vermeiden will. Aber Rohstoffe gibt es in Gaza kaum noch, weil die Grenzen dicht sind. Der Bausektor ist lahmgelegt, die Maschinen in den Werkstätten der Möbel- und Textilhersteller stehen still. Dagegen herrscht in der Westbank-Stadt Ramallah Aufbruchstimmung.

Abbas, der Hoffnungsträger des Westens, erhält aus Jerusalem, Brüssel und Washington Gelder, die bisher blockiert waren. Das helfe ihm, die radikalen Kräfte auf der Westbank im Zaum zu halten, sagt ein palästinensischer Minister. Abbas ist die ideologische Antithese zur Strategie der Hamas-Regierung in Gaza. Er strebt eine gesunde Wirtschaft an; die Befreiung der von Israel besetzten Gebiete will er nicht mit Waffen, sondern mit Verhandlungen realisieren. Widerstand wird von der Fatah auf der Westbank völlig anders definiert als vom Hamas-Regime in Gaza. "Wenn wir unsere Kinder trotz der vielen israelischen Straßensperren in die Schule schicken", sagt Informationsminister Riad Maliki, "ist das auch ein sinnvoller Widerstand."

Der Erfolg der Strategie stehe nicht fest, gibt ein Politologe aus Ramallah zu bedenken: "Abbas hat das Vertrauen der Bevölkerung verloren." Es werde Abbas mittelfristig nicht gelingen, die Westbank zu kontrollieren: "Dazu ist er zu schwach." Deshalb bestehe die Gefahr, dass die Hamas auch auf der Westbank putscht.

Am Wochenende warben bereits Tausende von Islamisten für ihr strenges Programm: "Ein Kalifat, die kommende Kraft."

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